Am Schluss wird der Sieger ausgezeichnet…

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Am Schluss wird der Sieger ausgezeichnet…

Buchbesprechung: Wilfried F. Schoeller: Kleines Lexikon der Tour-Mythen. Eichborn 2003, EUR 13,95.

Schon der Titel ist falsch. Dieses noch schnell vor dem Pariser Prolog am 5. Juli hingekleckerte Büchlein ist kein Lexikon (Brockhaus: alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk). Es ist eher ein gründlich misslungener Versuch, den romanhaften Spuren des unvergessenen, 1997 verstorbenen Sportjournalisten und Autors Hans Blickendörfer (Die Baskenmütze; Salz im Kaffee; Tour de France) nachzulaufen, der seinerzeit insgesamt 15mal die „Grande Boucle“ begleitete. Doch Blickensdörfers Fußstapfen sind groß – zu groß jedenfalls für Schoeller.

Abgekupferte Zitate am Fließband
So einige Dinge nerven an diesem „Lexikon“. Etwa, dass ein Großteil des Textes unverkennbar 1:1 von anderen Autoren übernommen ist. Hier findet man Lance Armstrongs „Tour des Lebens“ ausführlich zitiert, dort Blickensdörfers „Tour de France“, dann bringt Schoeller zur Abwechslung seitenweise Klassiker wie Kurt Tucholsky oder André Reuze. Der Autor hat strenggenommen nicht geklaut – teils nennt er in der Danksagung sogar seine Quellen, nichtsdestotrotz bleibt ein schaler Beigeschmack: Warum um alles in der Welt soll sich jemand ein Buch kaufen, in dem größtenteils andere, bessere Bücher zusammen montiert sind beziehungsweise dessen Inhalt wie eine hastig aus dem Internet zusammengestückelte „Paste + Copy“-Kollektion einschlägiger Texte daher kommt?

Verzettelt sich eine Fledermaus um Mitternacht?
Ein weiteres Manko dieser Tour-Mythen-Sammlung ist die Vielzahl der vom Autor unfreiwillig (?) produzierten Stilblüten. Einige Beispiele: Da „holt das Leben oft den Zufall wie die Weisheit aus den Binsen“, der heilige Berg Ventoux ist „vom Gemurmel der Legenden umwölkt“, Sprinter McEwen hat „ein Nichts an mehr Pünktchen“, oder, fast schon Heribert Faßbender-gleich: „Die Frankfurter Schwalbe verzettelte sich in den Niederungen wie die Fledermaus um Mitternacht“ (die Rede ist von Didi Thurau). Naja, wem′s gefällt – doch der unmaßgeblichen Meinung des Rezensenten ist dem Literaturprofessor und preisgekrönten Kritiker so einige Male zu oft – wie Schoeller vermutlich schreiben würde - „der heiße Sporn des Lyrikers“ durchgegangen. Da kann man nur hoffen, dass es nicht „permanente Turbulenzen im Feld“ gibt, wenn Erik Zabel wieder „mit Schlangenlinien den Gegner verwirrt“…

Das Tempo ist oft hoch…
„Es gibt keine einzige Chance, Anlauf zu nehmen, wenn man (beim Zeitfahren) von der Startrampe spurtet.“ Ach, tatsächlich? „Das Tempo bei Flachetappen ist oft hoch.“ Ach nein. „Man kann moderne Rennräder mit einer Hand hochheben.“ Wirklich wahr? „Auch Greg Lemond (…) konnte das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.“ Tja, so ist es wohl... Banalitäten wie die genannten mehren zwar die Seitenzahl - doch ob sie auch der Leselust förderlich sind, ist mindestens stark anzweifelbar.

Fehler, Halbwahrheiten, kurioser Unsinn…
Was aber am peinlichsten ist: Immer wenn Schoeller ins Detail geht, wird offensichtlich, dass der laut Innentext „Radsportfan und -sammler“ nicht besonders viel Ahnung vom Rennsport haben kann – was für sein Tour de France-Büchlein natürlich äußerst fatal ist. So beschreibt er die „Demutsposition“ beim Zeitfahren als „denkbar ungünstig“ - scheinbar verzichten die Teams seit Menschengedenken freiwillig auf optimalere Positionen!? Schoeller kennt Sättel, die „mit weichem Leder gefüttert“ sind, und Sportbekleidung, die so dünn ist, dass sich keine „Bremsfaktoren“ (sic!) bilden können. Er phantasiert, dass der „Blutbeschleuniger EPO“ die Blutgefäße „porös“ mache, dass man rote Blutkörperchen „synthetisch erzeugen“ könne (wie soll das gehen?!) - und er verwechselt permanent in peinlicher Weise die Dopingpräparate EPO/Epogen (Hersteller: Amgen), das analoge Präparat Dynepo (H: Aventis), Amgens EPO-Nachfolger Darbepoetin (Handelsname: Aranesp) sowie diverse, völlig anders wirkende Blutdoping-Präparate (RSR13, Hemassist).

…am Fließband
Unreflektiert zitiert Schoeller auch klassischen Fernsehreporter-Quark, beispielsweise, dass Jan Ullrich die „viel schnellere Trittfrequenz Armstrongs gar nicht fahren könnte“ (jeder Schülerfahrer kann 115 U/min und mehr treten - die entscheidende Frage ist vielmehr, wie EFFEKTIV er das macht!) und glaubt zudem, dass man üblicherweise neue Kräfte bekäme, wenn man beim Einzelzeitfahren eingeholt wird (wie 1997 der unglückselige Virenque von Ullrich). Er phantasiert über Eddy Merckx: „Sein Organismus konnte sich bei 550 Watt noch regenerieren“ und will wissen, dass der Kurse der Telekom-Aktie im Sommer 1997 wegen Ullrichs Tour-Sieg nach oben geschnellt sei (in Wahrheit gings mit dem Papier zwischen Sommer und Jahresende 1997 um 40 Prozent nach unten!). Auf die vielen kleineren Ärgernisse des Büchleins (die sehr verwirrende, innere zeitliche Abfolge einiger Kapitel) oder die arg gekünstelt wirkenden Anglizismen („Winner“; „Loser“; „Winnerliste“;“Crack“; „dahinpacte“) sei hier nur kurz eingegangen. Buchkritiker und Literaturprofessor Schoeller mag ein ausgewiesener Experte in Sachen „Literatur des 20. Jahrhunderts“ sein - dieses reichlich überflüssige und zudem schlampig lektorierte Machwerk ist ihm jedenfalls gründlich misslungen. Halten Sie in modernen Antiquariaten lieber nach Hans Blickensdörfers herrlichem, leider vergriffenem Klassiker „Tour de France“ Ausschau!

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(c) 18.06.2003 von Winni Köppelle
 
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