Via Claudia Augusta - von Augsburg nach Trient

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27. März 2016
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Liebe Forums-Leser,
ich bin vor einiger Zeit die Via Claudia Augusta geradelt und habe mal ein paar Dinge dazu angeschrieben. Würde mich freuen, wenn Ihr das spannend findet.

Auf der Via Claudia von Deutschland nach Italien

„Was? Alpenüberquerung? Einfach so, wo ihr sonst noch nie länger mit dem Rad unterwegs wart?“ Tanja, meine Frau, zweifelte doch ein wenig an unserer Idee, als ich ihr stolz von meinem Vorhaben erzählte, mit meinen Freunden Dyrk und Christoph auf der Via Claudia Augusta von Deutschland nach Italien zu radeln. Oder, um es mit ihren Worten zu sagen: „Ihr seid doch total bescheuert.“

Natürlich lag sie an einem Punkt richtig: Unsere Tourenraderfahrung war nicht gerade üppig. Wir zählten bislang eher zur reinen Wanderfraktion. Doch manchmal lohnt es sich, neue Wege zu begehen, beziehungsweise zu beradeln, wie wir auf unserer unserer zehntägigen Reise erfahren durften: Die Via Claudia Augusta ermöglicht es auch normalen Radlern, die Alpen zu überqueren, dabei kulturelle Highlights zu erleben und wunderschöne Regionen zu entdecken. Nicht umsonst listet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) die Via Claudia hinter dem Donauradweg als zweitbeliebtesten Radweg im Ausland auf.

Die Strecke verläuft durch Deutschland, Österreich, ein Stückchen Schweiz und Italien. Offizieller Beginn ist in Donauwörth. Über Augsburg und Füssen führt sie zur österreichischen Grenze. Hier geht es dann richtig in die Alpen hinein, Richtung Reutte. Die Via verläuft hier durch die Tiroler Zugspitzarena und erreicht schließlich den Fernpass. Hinter Imst führt sie nach Nauders und von dort über den Reschenpass ins sonnige Südtirol. Durch den lieblichen Vinschgau und über Meran geht es dann nach Bozen und Trient in das „echte“ Italien. Eine Variante führt ab dort nach Venedig, eine andere nach Ostiglia. Insgesamt sind das rund 600 Kilometer Fahrweg für eine Strecke, in der Literatur werden dafür in der Regel 14 Tage Fahrzeit angegeben. Insgesamt hängt die Dauer natürlich davon ab, wie der eigene Trainingszustand ist, und wieviel Zeit für Besichtigungen benötigt wird. Einigermaßen trainierte Radler sollten 70 Kilometer pro Tag schaffen, Kulturinteressierte sollten lieber 30 bis 40 Kilometer veranschlagen.

Da wir nur zehn Tage Urlaub hatten, entschieden wir uns für das Herzstück der Tour von Augsburg nach Trient. Wir wollten unsere erste Fahrradreise ja auch genießen. Schließlich gibt es auf der Tour so einiges zu entdecken, immerhin reichen die Anfänge der Straße in die Zeit von Kaiser Augustus bis ins Jahr 15 vor Christus zurück. Damals befahl der Imperator, das Reich nördlich der Alpen zu vergrößern. Eine funktionierende Nachschubroute war dabei natürlich für das Militär essentiell. Und so begann die römische Abteilung Straßenbau, eine solide Straße über die Alpen anzulegen. Das ehrgeizige Projekt hatte weitreichende Folgen: Denn die Römer brachten nicht nur ihre Soldaten, sondern auch ihre Waren, Kultur und Lebensweise nach Süddeutschland und damit nach Nordeuropa. Heute bereiten zahlreiche Museen, Ausgrabungsstätten und Infotafeln entlang der Tour das römische Erbe anschaulich auf. Es gibt sogar noch einige Stücke der Originaltrasse zu bewundern.

Viele kulturelle Highlights haben wir auf unserer Tour allerdings nicht angeschaut. An so mancher Ausgrabung rauschten wir einfach vorbei. Daran waren wir natürlich selbst Schuld, wir hätten ja auch anhalten und absteigen können. Aber wer einmal Fahrt aufgenommen hat, der bremst eben nicht gerne. Da habe ich das Wandern entschleunigender erlebt.

Besondere Herausforderungen der Tour waren sicher die Pässe: Zunächst der Fernpass in den Tiroler Alpen und dann der Reschenpass an der Grenze zu Südtirol. Wobei der Begriff „Gebirgspass“ uns etwas in die Irre leitete: Normale Tourengeher wie wir verbanden damit eher einen kleinen Pfad, der sich steil empor schlängelt und irgendwann über Schneefelder und vereiste Passagen am höchsten Punkt auf der anderen Seite wieder ebenso ambitioniert an gesicherten Stahlseilen nach unten führt. Verglichen mit unseren Vorstellungen waren die beiden Pässe auf der Via Claudia Spazierwege, oder besser, Radpromenaden – allerdings solche, die konditionell sehr anspruchsvoll sind, weil es über lange Strecken ordentlich bergan geht.

Konditioneller Höhepunkt der Tour war für uns die Passage von der Ortschaft Martina – die Via berührt hier kurz Schweizer Gebiet – Richtung Norbertshöhe kurz vor dem Rechenpass. Hier sind elf steile Kehren und gut 400 Höhenmeter auf einer Länge von rund 6 Kilometern zu bewältigen.

Für einigermaßen trainierte Menschen ist das kein Problem. Schwierig für mich: Angesichts der starken Steigung ließ sich die Sitzposition auf dem Rad kaum ändern. Mein Hinterteil schrie aber nach Entlastung. Spätestens da begriff ich, warum gepolsterte Fahrradhosen Sinn machen. Schade, dass ich meine anfänglich verschmähte Spezialhose ganz unten in der Gepäcktasche verstaut hatte. Reichlich erschöpft kamen wir abends in dem kleinen Ort Nauders an, wo wir nach heißer Dusche und dem Verzehr einer leckeren Mahlzeit neue Kräfte sammelten.

Herausfordernd waren auch die Fahrten bergab, besonders hinter dem Fernpass. Hier ging es über Waldboden, Wurzeln und felsige Passagen mitunter steil nach unten. Mit einem Mountainbike wäre die Strecke sicher kein Problem gewesen. Mit unseren klassischen Tourenrädern war es vor allem auf nassen Wurzeln sehr glitschig. Schon bald erschien es zumindest mir ratsam, den Begriff „Radwandern“ lieber im Wortsinn zu interpretieren: Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Das Ambiente entschädigte aber für die Mühen. Immer wieder tauchten schroffe Bergzüge hinter sattgrünen Blättern auf. Und am Wegesrand gab es spannende Details zu entdecken. Zum Beispiel die Rillen von Wagenrädern, die sich im Laufe von Jahrhunderten in das Steinpflaster der Via Claudia Augusta gefräst haben. Wer wohl schon alles hier auf dieser Passage seinen Weg in den Süden gesucht hatte? Bestimmt waren auch Reisende aus meiner jetzigen Heimatstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium darunter – heute bekannt als Köln.

Wichtig zu wissen: Wer sich die Pässe aus eigener Kraft nicht zutraut, kann auch auf Busshuttles setzen, die über alle Pässe angeboten werden. Diese transportieren natürlich nicht nur die Fahrer, sonder auch ihre Räder. In der Regel müssen sich Erstgenannte einen Tag vorher beim jeweiligen Busunternehmen anmelden. Zwischen Landeck und Nauders fährt sogar ein öffentlicher Postbus über den Reschenpass, bei dem der Transport der Räder automatisch im normalen Bustarif enthalten ist. Doch auch hier gilt: Die Reservierung am Vortag ist zwingend. Wer auf den Bus setzt, verpasst allerdings wunderschöne Natureindrücke. Hiermit Forum dürfte es für die Leute wohl eh nicht in Frage kommen

Generell sind die Wege und Beschilderungen auf Via Claudia Augusta in einem sehr guten Zustand. Das gilt auch für die gesamte touristische Infrastruktur. Im Unterschied zu einer klassischen Hüttentour habe ich die Verpflegung und Unterkünfte auf der Tour sowieso als große Pluspunkte empfunden. Nichts gegen Speckknödel und Matratzenlager in Dauerschleife, es ist allerdings äußerst angenehm nach einem anstrengenden Tourentag in ein bequemes Federbett zu fallen, nachdem man in einem gemütlichen Gasthof à la carte speisen konnte.

Im Gegensatz zu Bergwanderern sind Radler eben nicht auf mitunter überlaufene Hütten angewiesen, sondern haben in den Tälern mehr oder weniger die freie Auswahl. Sollte die Wunschunterkunft einmal belegt sein, profitieren Radfahrer sowieso davon, dass sie durch ihr Fortbewegungsmittel recht flexibel sind. Im nächsten Dorf ist eigentlich immer etwas frei. Daher ist es nicht nötig, die Unterkünfte lange im Voraus zu buchen, was ohnehin die Tourengestaltung recht unflexibel machen würde.

Hinter Nauders ist es für Via Claudia-Radler nicht mehr weit bis zur italienischen Grenze am Reschenpass. Wer bis hierher gekommen ist, hat den Wind im Rücken: Auf einem bequem ausgebauten Radweg geht es am Reschensee mit seinem berühmten halb versunkenen Kirchturm vorbei, immer bergab in den lieblichen Vinschgau. Weit ist es dann nicht mehr bis zum Kalterer See, der mit Palmen, Blüten und Weinreben ein schon deutlich mediterranes Ambiente bietet. Dieser Eindruck verstärkte sich für uns noch bei der gemütlichen Fahrt durch das Etschtal Richtung Trient. Hier sah es schon aus wie in der Toskana.

Bis dorthin haben wir es aber auf unserer Tour nicht mehr geschafft. Nach rund 500 Kilometern stellten wir unsere Räder auf Trients Domplatz ab. Bevor wir aber dann den Abschluss der Tour auf den Stufen des barocken Neptunbrunnens feierten, rief ich noch schnell meine Frau an: „Schatz, wir haben´s geschafft, die Tour war absolut nicht bescheuert.“


Freue mich auf Eure Berichte. Beste Grüße, Holger
 
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