HomeMagazinMenschenInterviewsRené Wildhaber – Mr. Megavalanche im IBC-Interview — 26. Dezember 2010 17:41

René Wildhaber – Mr. Megavalanche im IBC-Interview

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Der stets durchtrainierte Schweizer ist durch seinen vielen Siege in der Disziplin der Downhill-Marathons bekannt geworden. Mittlerweile bereist er als Trek-Teamfahrer die Welt und bringt uns dabei regelmäßig spektakuläre Fotos und interessante Geschichten mit. Im Gespräch mit MTB-News.de erfahrt ihr mehr über den Ski-Lehrer und Outdoor-Fan.

(Foto: Red Bull Photofiles / Sébastien Boué)

Hi René. Du bist vor allem als Spezialist für Downhill-Marathons und exotische Reisen bekannt. Wie verlief dein Weg von der ersten Bike-Ausfahrt in deinem Leben zu deinem aktuellen Dasein als MTB-Profi?

Zum ersten Mal Rad fuhr ich bei den Nachbarskindern mit einem alten grossen Herrenrad. Um mit beiden Füssen auf den Pedalen zu stehen, musste ich jedoch mit einem Bein durch das Rahmendreieck. Mit sechs Jahren fand ich dann ein Kinderrad im Sperrmüll, bei welchem die Kette fehlte. Darum konnte ich damit nur bergabfahren und musste hochschieben. Da meine Eltern kein Auto besassen, erkundete ich später die Schweiz mit Freunden auf Radtouren. Mountainbiken faszinierte und interessierte mich immer mehr, darum begann ich Rennen zu fahren. Zuerst nahm ich an regionalen Bergrennen teil, später an Cross Country Rennen. Auf Anraten des Cross Country Nationaltrainers versuchte ich mich dann auch im Downhill und fuhr zwischendurch auch Marathon-Abfahrtsrennen. Inzwischen wurden diese Rennen immer populärer und auch die Bike-Industrie zeigt immer mehr Interesse daran. Seit zwei Jahren bin ich nun als „Profi“ unterwegs und stehe, neben den Rennen, meinen Sponsoren für Produktepräsentationen, Foto- und Filmshoots zur Verfügung.

Downhill-Marathons gelten als Härteprüfung für jeden Abfahrer, besonders der Megavalanche in Alp’d Huez ist berüchtigt. Welche deiner Stärken machen dich zum idealen Fahrer für diese Disziplin?

Ich denke es ist meine Vielseitigkeit. Neben dem Abfahren pedaliere ich gerne auch bergauf. Eine gute Fitness ist für die Langstrecken-Abfahrtsrennen von Vorteil und eine gute Technik notwendig. Im Weiteren kann ich auch sehr gut improvisieren, das heisst aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen.

Könntest du denn auch bei normalen DH-Rennen vorne mitfahren oder müsstest du dafür anders trainieren?

1999 wurde ich Vizeeuropameister im Downhill, was für mich den internationalen Durchbruch bedeutete. Ich erreichte dann auch regelmässig die Top 20 im DH-Weltcup, aber ich merkte, dass es ohne Team Support schwierig werden würde noch weiter nach vorne zu kommen. Wenn ich mich erneut auf Downhill-Rennen konzentrieren würde, müsste ich sicherlich mein Training anpassen und hauptsächlich spezifisches Abfahrts-Trainings absolvieren. Downhill macht mir sehr viel Spass, jedoch schätze ich auch das abwechslungsreichere Training, welches ich für die Langstrecken-Abfahrtsrennen benötige.

Neben den DH-Marathons sind Reisen in ferne Länder dein Spezialgebiet. Planst du in Zukunft dich mehr in diese Richtung zu orientieren oder brauchst du den Wettkampf bei den Rennen?

Dies ist eine Frage der Zielsetzung und für viele Sponsoren sind Renneinsätze wichtig. Sicherlich werde ich mich in den nächsten zwei Jahren an Wettkämpfen noch messen. Für mich ist allerdings die hohe Konzentration, während eines Rennens und frei zu sein von jeglichen Gedanken wertvoller, als nur ein gutes Resultat. Die Welt zu entdecken war mein großes Ziel, da ich mich sehr für fremde Länder und Kulturen interessiere. Das ich dies nun in Verbindung mit meinem Beruf machen kann, ist umso schöner.

In einem Interview meintest du vor ein paar Jahren, dass Selbstvermarktung nicht dein Ding ist. Hast du dafür jemanden angestellt oder wie erklärt sich die professionelle Pressearbeit, die man mittlerweile von dir als Bikeprofi gewöhnt bist?

Ich habe über die Jahre hinzugelernt und mein Ziel ist es, mich stetig zu verbessern, sei es in punkto Bike-Technik, Büro oder Pünktlichkeit. Jedoch mache ich immer noch alles andere lieber, als vor dem PC zu sitzen. Deshalb unterstützt mich meine Freundin in der administrativen Arbeit.

(Foto: Red Bull Photofiles / Sébastien Boué)

In demselben Interview (FREERIDE Magazin) wurde berichtet, dass du gar keine richtige eigene Wohnung hast, sondern lieber in den Bergen übernachtest, sogar im Winter. Hat sich das mittlerweile geändert?

Am liebsten übernachte ich immer noch im Freien oder an Plätzen, wo man der Natur ganz nahe ist. Eine eigene Wohnung besitze ich immer noch nicht, jedoch teile ich mit meiner Freundin eine kleine 2-Zimmer-Mietwohnung und verbringe meine Freizeit oft auf dem elterlichen Bauernhof.

Wie sieht denn ein normaler Tagesablauf im Sommer bei dir aus, wenn du gerade nicht auf Reisen bist?

Im Sommer bin ich sehr selten zu Hause und habe deshalb auch kaum normale oder regelmäßige Tage. Nach jeder Heimkehr gehört auspacken, waschen und das Bike in Ordnung bringen dazu. Wenn dann noch Zeit übrig bleibt, helfe ich liebend gerne auf dem Bauernhof das Heu einbringen.

Arbeitest du im Winter weiter als Skilehrer oder was treibst du sonst so während der Off-Season – findest du mal Zeit zum Entspannen?

Auch diesen Winter arbeite ich in der Skischule Flumserberg. In meiner spärlichen Freizeit bin ich dann meist mit den Tourenski unterwegs oder am Eisklettern. Die Büroarbeit nimmt auch sehr viel Zeit in Anspruch. Beispielsweise werde ich im Ende Januar eine neue Homepage aufschalten (www.renewildhaber).

Du liebst es draußen zu sein. Trainierst du denn manchmal auch im Fitnessstudio, um die Oberkörpermuskeln für den Alltag als Profi-Athlet zu stärken? Was tust du für diesen Bereich in Sachen Athletik?

Meine Oberkörpermuskulatur stärke ich beim Eisklettern oder in der Kletterhalle. Zusätzlich gehe ich nun auch ab und zu ins Fintessstudio, wo ich am liebsten die koordinativen Gleichgewichtsübungen mache.

Moderne DH-Strecken sind mittlerweile mit vielen Sprüngen gespickt – trainierst du dafür extra oder reicht dir da dein Erfahrungsschatz?

Ich schaue mir die DH-Strecken vor den Rennen genau an und übe diese dann bei den Trainingsläufen. Spezifisches Sprungtraining mache ich nicht. Jedoch konnte ich von meinem Aufenthalt in Whistler im letzten Jahr profitieren.

(Foto: gosswiler.com)

War denn die Disziplin Dirtjumping jemals ein Thema für dich?

Mir gefällt Dirtjumping. Gerne würde ich dies auch öfter tun, nur leider fehlt mir dazu die Zeit. Ein Traum von mir ist, selber mal einige Dirtjumps auf dem eigenen Land zu bauen. Vielleicht kontaktiere ich dann mal Guido Tschugg, falls es soweit ist.

Deine Freundin fährt für den gleichen Sponsor wie du. Wie sehen eure gemeinsamen Touren aus?

Wenn wir Zeit finden, fahren wir meist Touren in unserer Region (Ferienregion Heidiland). Obwohl, letztes Jahr reisten wir gemeinsam durch Kanada und besuchten sieben verschiedene Bike-Parks, das war ein cooles Abenteuer. Ab und zu wandern oder klettern wir auch gemeinsam, vor allem im Herbst.

Welchen Tipp für Biker-Pärchen hast du, damit sie während der Tour keinen Streit haben?

Genug Essen mitnehmen, vor allem Schokolade und Red Bull, denn Schokolade macht glücklich und Red Bull verleiht Flügel. Sicherlich ist es auch wichtig, sich gut über die bevorstehende Tour ausreichend zu informieren oder sich guiden zu lassen.

Was war der beste Bike-Trip bisher in deinem Leben?

Nordindien 2008. Zuerst fuhren der Fotograf Mesum Verma und ich in einer 16-stündigen Busfahrt von Dehli nach Manali. Manali liegt im Vorhimalaya (Kullu Valley) auf 2000 m. ü. M., dies war der ideale Ort für die Akklimatisation. Nach einigen Tagen startete unser Bike-Abenteuer von Darsha nach Lamayuru. 17 Tage sahen wir kaum Menschen und waren abgeschnitten von jeglichem Mobilfunknetz. Zusammen mit einem Koch, einem Guide und einem Pferdeführer war es ein wahres Glück, den Himalaya auf dem Bike erkunden zu dürfen, in Regionen zu fahren, in denen es noch keine Strassen, nur Singletrails gibt. Jedoch hatte die Tour auch seine Tücken. Bereits am zweiten Tag mussten wir in bis zu 60 cm Neuschnee den 5100 Meter hohen Shingu Pass überwinden. Dabei hatte ich mein Bike acht Stunden lang auf den Schultern getragen oder geschoben. Indien ist eine andere, vielfältige Welt. Abschreckend und anziehend zugleich.

Wo liegen deine Heimstrecken und wie oft im Jahr kommst du dazu, dort zu fahren?

Meine Heimstrecken sind am Flumserberg (www.flumserberg.com). Diese Trails fahre ich hauptsächlich im Frühling und im Herbst, wobei im Frühling im oberen Teil meist noch Schnee liegt.

Als vielreisender Sportler musst du viel reisen bzw. fliegen – wie vereinbarst du das mit deinen Idealen in Sachen Umweltschutz?

Aus Umweltschutzgründen begann ich Rad zu fahren und wollte die Welt damals auf zwei Rädern CO2-neutral erkunden. Nun reise ich mit dem Flugzeug auf alle Kontinente, um zu biken. Dies passt nicht zusammen. Generell vermeide ich aber unnötige Fahrten mit dem Auto, benutze die öffentlichen Verkehrsmittel und setze das Rad auch im Alltag ein. Ich versuche auch mit dem Kauf von Umweltzertifikaten und dem Beitritt zu WWF einen Beitrag an den Naturschutz zu leisten. Ich denke, dass wir zur Zeit mit unserem Planeten und unserer Umwelt zu nachlässig umgehen.

(Foto: Red Bull Photofiles / Sébastien Boué)

Kurzfragen:

Alternative Berufe, falls deine Bike-Karriere nicht geklappt hätte?

Bergführer, Alphirt, Schreiner, Zimmermann oder Lebenskünstler.

Foto- oder Videoshooting?

Foto!

Auto oder Zugfahren?

Zug in Verbindung mit dem Bike, wie ich dies in meinem letztjährigen Freeride Express Foto- und Filmprojekt umgesetzt habe. Einen Video dazu gibt es auf meiner Facebook-Fanpage (Weblink: KLICK)

Fernsehen ist…

…interessant, wenn es informativ ist.

Kino oder Party?

Am liebsten Abwechslung. . .

Bester Film ever?

Spontan fällt mir Dead men von Jim Jarmusch (1995).

Dein Lieblingsbikevideo?

Danny Mc Askill‘s Youtube-Erstling.

Bio-Lebensmittel sind…

…lecker, wie zum Beispiel der Alpkäse, den mein Bruder herstellt.

Buch oder Zeitschrift?

Buch.

Facebook und Co sind…

Kommunikationsmittel, welche heute dazugehören.

Danke für das Interview und viel Spaß noch im Powder-Schnee!

Rene in bewegten Bildern:


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