HomeAllgemeinAlways tinkering around: Bike-Legende Tinker Juarez im exklusiven IBC-Interview — 2. Mai 2012 11:45

Always tinkering around: Bike-Legende Tinker Juarez im exklusiven IBC-Interview

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Es gibt nur wenige Fahrer, die bereits während ihrer aktiven Zeit als Legende angesehen werden. Fahrer, die sich zudem rühmen können, der Hall of Fame anzugehören, sind jedoch noch seltener. David “Tinker” Juarez ist so ein Fahrer. Der mittlerweile 51jährige US-Amerikaner wechselte Ende der 80er Jahre, nach einer erfolgreichen BMX-Karriere im Team von Mongoose, auf das MTB und gehörte zu den frühen Stars der Szene. Zwischen 1986 und 2004 bot er Fahrern wie John Tomac, Thomas Frischknecht, Bart Brentjens usw. die Stirn. Seit mittlerweile fast einem Jahrzehnt gehört er zu den vielseitigsten Ultra-Langdistanz-Bikern. Zu seinen Erfolgen im XC zählen unter anderem ein PanAmerican-Games-Titel, ein Vizeweltweistertitel, ein Masters-Weltmeistertitel (den er erst mit 49 Jahren holte!), drei NORBA-Titel im XC, vier US-Meisterschaften im 24h-Solo-XC sowie Olympiateilnahmen 1996 und 2000. 

Im Rahmen der Cannondale-Teamvorstellung in Finale Ligure haben wir uns mit dem etwas schüchtern wirkenden Amerikaner getroffen und ihm einige Fragen gestellt. Wie Tinker Juarez darauf reagierte, erfahrt ihr im folgenden Interview. Viel Spaß!


Tinker Juarez

IBC-Interview: Tinker Juarez

MTB-News.de: David, wie geht’s dir?

Tinker Juarez: Mir geht’s super. Es ist so fantastisch hier in Italien zu sein, besonders wenn man aus Kalifornien kommt. Es ist schon länger her, dass ich das letzte Mal in Italien war, und das hier ist echt eins der besten Team Camps seit langer Zeit. Ich bin schon lange bei Cannondale und es macht einfach Spaß.

Fangen wir mit deinem Nickname an – die meisten Leute kennen dich als Tinker. Wie bist du zu diesem Namen gekommen?

Das ging los, als ich mit Biken angefangen habe. Als ich mein erstes Bike bekam – es war ein BMX – fuhren meine Freunde und ich immer in einem Park nahe unseres Hauses herum, dem Hollifield Park. Dort gabs einen großen Hügel und wir sind dort immer rumgesprungen und haben wilde Sachen gemacht, immer nach der Schule. Irgendwann gings los und wir gaben uns alle Spitznamen – meiner wurde Tinker, weil ich immer an meinem Bike herumgebastelt habe (tinkering around = herumbasteln, Anm. d. Red.). So fing das an.

Wie bist du zum Biken gekommen?

Das war auch im Hollifield Park, den ich grad schon erwähnte. Wir haben immer kleine Spaßrennen mit acht Mann an einem Startgatter gemacht und so bin ich irgendwie zum BMX gekommen…Dann ging es los, dass ich jeden Samstag und Sonntag Rennen gefahren bin, ich bin echt süchtig danach geworden. Dann bin ich richtig ins Renngeschehen eingestiegen und zu großen Rennveranstaltungen gefahren, wo ich nach einer Weile von einem Bikeshop „entdeckt“ wurde, was ziemlich cool war! Ich bekam ein kostenloses Bike, ein Stingray. So in etwa ging das bei mir aus Wettkampfsicht los.

Du hast mit BMX begonnen und bist ein Cover-Fahrer für Mongoose geworden, als die Firma in den 80ern ihre Glanzzeiten hatte. 1986 dann hast du den Übergang zum Mountainbike gewagt – warum? Brauchtest du einfach einen neuen Ansporn?

Naja, mein größtes BMX-Highlight war es, für Mongoose zu fahren. Das war 1976, ging 6 Jahre und war einfach toll als Teamfahrer – als junger Kerl, der noch auf der Highschool war, dafür bezahlt zu werden. Danach, in den 80ern, wurden die Teams kleiner und es wurde schwieriger, aus einem großen Team kommend wieder in ein großes Team zu wechseln. Ich hab mich in der Zeit nicht so ganz wohlgefühlt und ich habs nicht mehr so genossen wie früher – und diverse Leute meinten mir mitteilen zu müssen, dass ich im BMX-Sport nicht mehr gebraucht würde. Dann traf ich jemanden der anfragte, ob ich nicht Lust hätte dieses Mountainbiken auszuprobieren, und dann war ich automatisch wieder drin – ich bekam ein Bike und sollte den Sport mal ausprobieren. Das war der perfekte Zeitpunkt um zu wechseln.


Tinker mit seinem aktuellen Arbeitsgerät. Bild: Ale di Lullo

Du warst einer der ersten Stars des XC-Sports und bist gegen John Tomac und Thomas Frischknecht gefahren, um nur zwei zu nennen. Wie fühlte sich das an, vorher im BMX und dann auf dem MTB gegen Tomac anzutreten?

Naja, in meiner BMX-Zeit bin ich ehrlich gesagt nie wirklich gegen Tomac gefahren, damals hab ich nur sehr wenig über ihn mitgekriegt. Aber klar, auf dem MTB waren die beiden definitiv die Jungs, die ich als Kontrahenten im Fokus hatte und die ich schlagen wollte. Aber in der Zeit habe ich auch viel gelernt – die Sprints aus dem BMX waren mir zwar hilfreich, aber ich musste auch lernen was es heißt, ein guter Mountainbiker zu sein. Also hab ich jedes Jahr neue Sachen trainiert und gelernt, weil der Sport halt noch so neu war. Aber, um auf die Frage zurückzukommen – das waren auf jeden Fall die Jungs, auf die ich aufpassen musste.


Tinker im italienischen Forst. Bild: Ale di Lullo

Du bist einer der wenigen Biker, die sowohl in der Hall of Fame in BMX und MTB sind. Wie besonders ist das für dich?

Das ist wirklich besonders. Ich bin erstmal total glücklich dass ich immer noch aktiv sein kann und hier sein darf – ich bin jetzt zwar relativ alt, aber wir leben in einer Welt in der das Alter nicht mehr das Wichtigste ist, worüber man sich Sorgen machen müsste. Ich kümmere mich einfach darum, gesund zu bleiben, bei der Sache zu bleiben und mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren… Entschuldigung, wie war die Frage nochmal? (lacht)

Du hast eine Menge in deiner Karriere erreicht – was waren die größten Erfolge für dich selbst?

Naja, die Silbermedaille bei der WM ist extrem wichtig für mich, das war so ziemlich mein Karrierehöhepunkt, eins meiner besten Ergebnisse auf dem Mountainbike. Das ist eine Sache, an die du dein ganzes Leben zurückdenkst. Ich denke auch jetzt noch, da ich einer der wenigen US-Fahrer bin, die eine Olympia-Medaille haben und World Champion sind, dass das eine wirklich besondere Sache ist – weil es einem zeigt, wie hoch das Level ist und wie schwer die Europäer zu schlagen sind.  Also, das bedeutete mir sehr viel – ich wusste aber auch, dass ich mit Cannondale das beste Team hinter mir stehen hatte und habe. Die sind sehr zufrieden damit, was auch immer ich mache. Cannondale lässt mir die Wahl, was ich machen möchte und was nicht. Und ich dachte mir, es wäre schon schön wenn ich Weltmeister werde, vielleicht in der Masters-Klasse? Und wenn ich schon die Wahl habe, dann fahre ich natürlich weiterhin Rennen! Ich kriege auch immer noch das Gehalt eines Profis. Aber das wirklich wichtige Ding der WM ist es für mich, die Regenbogenfarben tragen zu dürfen. Und diese Streifen…du ziehst sie an, irgendwer sieht sie – und dann ist es auch egal, ob du Masters-Champion bist oder in der Elite. Jedenfalls bin ich froh dass ich das geschafft habe und jetzt den Regenbogen tragen darf. Klar, ich war schon World Champion im 24h-Rennen, aber das ist nur der Name, das ist nix mit der UCI. Als Masters- oder Elite-Fahrer hast du einfach was in der Hand.

2012 finden die vierten Olympischen Spiele mit XC statt – irgendwelche Mutmaßungen, wer das Rennen in Hadleigh Farm gewinnen könnte?

Naja, ich denke man kann sich da aktuell ziemlich an die Fahrer halten, die halt vorne mit im Worldcup dabei sind. Es könnte auch das Land sein, das die meisten Fahrer stellen kann – wenn die Schweiz mit drei Fahrern in London dabei ist, könnten sie Favorit sein. Frankreich, Italien, Deutschland…ich denke es wird jemand aus diesen Ländern.

Vielleicht Manuel Fumic?

Man kann nie wissen! Ich denke er ist ein toller Fahrer, leider hatte ich bisher nicht wirklich die Chance länger mit ihm zu sprechen. Aber er spricht gutes Englisch, ist ein wirklich netter Kerl und sieht sehr fit aus, ich hab von seinen letzten Ergebnissen gehört. Ich denke auch, dass wir gute US-Amerikaner haben, die hungrig auf eine gute Platzierung sind. Todd Wells ist ein Veteran im Sport, er will das dritte Mal zu Olympia fahren, ich denke er wird einen Fuß in die Tür bekommen…und wir haben Jeremiah Bishop, der auch dran ist ins Olympia-Team reinzukommen.

Du hast die USA zweimal bei Olympia vertreten. Wo liegt der Unterschied zwischen Olympia- und World Cup-Rennen?

Der größte Unterschied liegt im Druck, den man hat. Jeder Olympia-Interessierte wird die Übertragung sehen und dann geht es darum, wie gut du mit dem Druck umgehen kannst. Ich denke auch, dass es für die meisten Fahrer weitaus wichtiger ist als ein World Cup-Gewinn. Weltmeisterschaften sind zwar für manche Fahrer wichtiger, aber wenn ich es mir aussuchen könnte wo ich eine Medaille gewinne, würde ich bei Olympia gewinnen wollen. Für mich als zweimaligen Olympia-Teilnehmer bedeutet es das Größte, was es überhaupt zu gewinnen gibt – dieses Ziel hat jeder Sportler.


Immer noch ziemlich viel Power in den Beinen: Tinker Juarez. Bild: Ale di Lullo

Was war die brenzligste Situation, in der du je warst?

Mir ist mal etwas sehr seltsames in meiner Wohngegend passiert. Ich war mit meinem Rennrad trainieren – tagsüber – und hielt an einem Park, um etwas zu trinken. Plötzlich tippte mir ein Mann von hinten an die Schulter. Er hatte eine Pistole und sagte mir, dass ich ihm mein Bike aushändigen solle. Natürlich sagte ich „hier, kannst du haben!“ Das war die verrückteste Situation überhaupt, weil ich nicht wusste wie fertig der Typ wirklich war. Aber weißt du, ich will wirklich nicht wegen einem Fahrrad umgebracht werden! Das war so ziemlich die schlimmste Erfahrung meines Lebens, ja. Also gab ich ihm mein Rad und lief nach Hause – ohne Bike.

Was ist dein Lieblingsort, wo bist du am liebsten?

Es wäre toll, mit meiner Frau irgendwo hier in Europa zu leben. Am liebsten in Italien, weil meine Frau auch einen italienischen Einschlag hat. Ich würde also mit Italien nicht falsch liegen, wenn ich die Wahl hätte. Aber auch viele andere Gegenden in Europa, es gibt so viele schöne Ecken. Das Wetter in Italien, aber auch in Frankreich oder Deutschland…ich kann wirklich nicht aussuchen wo DER perfekte Ort wäre, aber es wäre sicher in Europa. Ich war auch schon an vielen verschiedenen Orten in den USA, aber auf dieser Seite der Welt ist es einfach anderes. Die Leute sind anders drauf, alles in der Gegend ist älter, klassischer.

Und wo bist du am liebsten mit dem Bike unterwegs?

Ehrlich gesagt – ich suche eigentlich immer wieder nach etwas Neuem. Also jedesmal wenn ich woanders hinfahre, gibt es dort meistens schöne Trails. Natürlich auch hier – ich war noch nie in Finale, aber hier sind großartige Strecken. Ein bisschen technischer, aber wenn man Straße und technische Trails mixt, kriegt man schon richtig schöne Rundfahrten zusammen. Aber echt – es gibt überall so tolle Trails. Auch zuhause in Kalifornien.


Schöne Trails in Finale: Auf der 24h-Strecke mit den anderen Teamfahrern. Bild: Ale di Lullo

Wenn du dir drei Biker aussuchen könntest, mit denen du fahren würdest – wer wäre das?

Puh. Gute Frage. Ich fand Lance Armstrong immer toll. Wenn ich ihn sehe, krieg ich eigentlich immer ein Lächeln drauf, ich denke das wäre eine gute Wahl als Tourpartner. Jan Ullrich ist auch einer meiner Lieblingsfahrer, ich hab ihm gerne beim Fahren zugesehen weil er einfach so ein Powerfahrer ist – eher ein Powerfahrer als ein extrem schneller Typ. Was Mountainbiker angeht, würde ich Thomas Frischknecht wählen. Er ist auch einer der alten Schule und macht eine Menge für den Sport, mit seinem Racing Team und so weiter…ja, das wärs.

Was ist dein Lieblingsprodukt, was Parts angeht?

Ehrlich gesagt, ist die Lefty schon mein Lieblingsprodukt. Sie ist immer noch eine der steifsten, stabilsten, schnellsten und geschmeidigsten Gabeln! Und das Witzige ist, dass die Leute selbst heute noch verwundert gucken und sich fragen, was soll das denn? Wie funktioniert das bitteschön? Immer lustig, die gleiche Frage gestellt zu bekommen. Und die Gabel gibt es einfach auch schon so lange! Und sie ist immer noch die leichteste Gabel. Also – für mich ist die Lefty immer noch das coolste Teil.

Was hast du in der Zukunft vor?

Ich möchte weiterhin Mountainbike fahren und fokussiert bleiben – allein schon aus dem Grund weil ich nicht wirklich einen Plan B habe. Ich will einfach beim Racen bleiben und davon leben können. Mindestens noch drei Jahre – dann bin ich 55. Manche Leute gehen mit 55 in Rente, und auch wenn ich sagen könnte dass ich aufhöre – ich würde trotzdem weiterarbeiten. Auch, weil ich nicht viel Geld angespart habe. Mein Ziel ist die 55 und dann ist es mein Traum, einen Bike Shop bei mir in der Gegend aufzumachen. In einem Bikeladen arbeiten, Biketouren mit Freunden machen, kleine Rennen zu fahren, vielleicht ein Rennteam zu haben – solche Sachen. Ich möchte einfach in dem Sport bleiben. Im Moment gibt es auch einfach noch kein Limit, weil der Sport immer noch so jung ist. Und ich kann deswegen auch ein Vorbild für die jungen Biker sein, die dann sagen „wie lange ich biken kann? Guck dir Tinker an, der ist bis 55 Rennen gefahren!“ Also auch wenn die nicht unbedingt Rennen fahren bis sie 55 sind, können sie dennoch lange dabei bleiben.

Schnellschüsse:

BMX oder MTB?

MTB.

Klickpedale oder Flats?

Klick.

Regen oder Sonne?

Sonne.

Dreads oder Locken?

Locken!

Danke für das Interview!

Einleitung und Fragen: Veit Hammer
Fotos: Ale di Lullo, Johannes Herden


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