HomeProdukteFahrbericht: Magura MT8 – Carbonstopper im Test — 13. Mai 2012 20:14

Fahrbericht: Magura MT8 – Carbonstopper im Test

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Selten wurde eine Neuheit auf dem Bremsenmarkt so lange antizipiert wie die MT8 von Magura. Bereits ein Jahr vor ihrer Vorstellung war der Eurobike Stand nur auf dieses Produkt, oder vielmehr auf die gesamte damit verbundene Produktfamilie ausgerichtet. Der Eindruck, der entstand: Endlich nimmt sich ein Hersteller viel Zeit, um dann ein ausgereiftes Produkt auf den Markt bringen zu können. Als es schließlich soweit war und das Ergebnis der “Mission Technology” präsentiert wurde, war der Anspruch: Eine für alles.

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#Carbotecture – so der Name des neuen Fertigungsverfahrens für den MT8 Griff.

Was alle Bremsen der Familie, egal ob Einsteigermodell MT2 oder High-End-Produkt MT8 teilen: Die Form von Hebel und Kolben. Das bedeutet: In Sachen Ergonomie und Leistung sollten sich die Geschwister nicht unterscheiden. Je nach Geldbeutel kann der Kunde dann noch an Optik und vor allem Gewicht drehen, die MT8 gehört mit ihrem Bremsgriff aus Carbotecture zu den leichtesten Bremsen am Markt. Trotzdem soll sie keine reine XC-Bremse sein, sondern mit der richtigen Scheibengröße jeden Mountainbiker ansprechen, egal ob Tourenfahrer oder Abfahrtspilot.

Hohe Erwartungen also – denen die Bremse bei einem ersten kurzen Test auf Mallorca auch durchaus gerecht werden konnte. Doch wie würde sie sich im Dauereinsatz schlagen, und auf Abfahrten länger als nur 100-200hm? Um dies herauszufinden, montierten wir die MT8 an einem 170mm Helius AM und waren damit in Bikeparks in Deutschland und den Alpen – Orten, an denen Bremsen zeigen müssen, was in ihnen steckt. Doch beginnen wir von vorne:

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#Formschön ist er, der Bremssattel der MT8.

Aus der Box

Die spannendste Frage direkt nach dem Auspacken: Wie leicht ist die MT8 wirklich? Kann sie ihre Gewichtsversprechen halten? Und wie sieht es mit dem Gewicht der Adapter aus?

  • 180mm Scheibe: 119g
  • 160mm Scheibe: 95g
  • Vorderradbremse: 175g (70cm Leitung)
  • Hinterradbremse: 185g (130cm Leitung)
  • 6 X Torx M4 Aluschraube: 4g
  • 2 X Torx M6 Aluschraube: 4g
  • Adapter IS160 – PM160 19g
  • Adapter PM160 – PM180 23g

Vorderradbremse komplett: 325g
Hinterradbremse komplett: 307g

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Diese Fotos im Fotoalbum anschauen

Ohne Adapter liegen sowohl Vorderrad als auch Hinterradbremse unter der klassischen 300g Grenze – sehr gute Werte also. Damit spielt die MT8 in einer Liga z.B. mit Formulas R1, und das obwohl der Bremssattel aus Aluminium gefertigt ist – hier ließe sich durch den Einsatz von Magnesium theoretisch noch etwas sparen, die Wahl zu Alu fiel aber wegen der besseren Kontrollierbarkeit und weniger Porösität durchaus sinnvoll. Einziger Wermutstropfen: Uns wurden nur zwei M6 Aluschrauben mitgeliefert, weshalb der Adapter dann doch wieder mit schweren Stahlschrauben montiert wurde, was die Gesamtbilanz für den Grammfuchs etwas drückt.


Der Bremsgriff kann rechts oder links montiert werden.

Davon abgesehen macht die MT8 einen guten Eindruck – alles ist sauber verarbeitet, die Materialien wirken hochwertig – aber ganz perfekt erscheint Sie uns dann doch nicht. Das liegt zum einen am optischen Eindruck, der etwas unter den roten Kunststoff-Teilen leidet – prominent auf Bremshebel und Bremssattel platziert wollen sie so überhaupt nicht edel wirken – und an der Form des Bremshebels: Er ist zwar für den Fahrer sehr angenehm zu greifen, doch sein ziemlich spitzes Ende weckt böse Erinnerungen an unschöne Sturzbilder. Bei der Montage der Bremsscheibe mit Alu-Schrauben fällt auf, wie wenig 4Nm sind – die Schrauben lassen sich auch mit dem Schraubenzieher (ohne Hebel) ausversehen köpfen, in manchen Fällen von Loctite-Resten im Gewinde genügt sogar der Einschraubwiderstand um die Schraube zu zerstören. Meines Erachtens nach sollte zu Aluschrauben an einem Produkt dieser Preisklasse gleich der Drehmomentschlüssel mitgeliefert werden, ohne sind sie eher Gefahr als Nutzen.

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Was fällt sonst noch auf?

An der MT8 verfügt jede Schraube über einen Torx-Kopf, und zwar wirklich jede über den gleichen: T25. Das ist eine wirklich erfreuliche Lösung, denn obwohl der Torx schon lange der bessere Standard ist, kann er sich nur schwer durchsetzen – wer will schon viele verschiedenen Werkzeuge dabei haben? Der T25 ist aber schon seit geraumer Zeit von der Bremsscheibe bekannt, alltagstauglich groß und funktioniert auch hier wunderbar. Ansonsten seien noch die “Schrauben” zur Lenkerklemmung erwähnt – sie sind tatsächlich keine Schrauben, sondern Hülsenmuttern, die auf einem dünnen Stahlstift sitzen. Dadurch konnte der Bremsgriff besser gegen den Lenker abgeschlossen werden.

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#

Last but not least: An der MT8 ist keine Einstellung ohne Werkzeug möglich. Verglichen mit den vielfach anpassbaren Bremsen der Konkurrenz lässt sich auch generell nicht viel variieren: Einzig die Griffweite ist – mit einem T25 – über einen weiten Bereich anpassbar.

Auf dem Trail

So weit so gut, doch Form und Aussehen helfen nicht viel, wenn die Bremse nicht anständig verzögert. Nach dem Einbremsen steigerten wir das Gelände für die MT8 gemächlich. Zu allererst ging es auf einige nahe gelegene Alpen-Ausläufer – schnelle Trails ohne schwere Dauerbremsungen. Was hier gefällt: Die MT8 ist wirklich feinfühlig zu dosieren. Das ist zum Beispiel an einem feuchten, abschüssigen Schräghang von Vorteil, wenn man nicht zu schnell werden will, ein blockierendes Hinterrad aber die Spur verlieren würde. Der Druckpunkt ist wohl definiert, für mich weder zu hart, noch zu weich. Die Lage des Druckpunkts im Neuzustand taugte mir gut, manch ein Fahrer würde sich aber sicher einen kürzeren oder längeren Leerweg wünschen.


Am Hasenhorn in Todtnau – die Vorserien MT8 am Limit

Nächster Stop: Der Bikepark. Am Hasenhorn in Todtnau hat eine Abfahrt 370hm, genug um jede Bremse auf ordentlich Temperatur zu bringen. Bei meinen 70kg Gewicht kamen andere Bremsen (XO, The One) hier mit 180mm Scheibe vorne knapp an ihre Grenzen, wie würde es der MT8 gehen? Erste Festellung: Die erforderlichen Handkräfte sind hoch, ich schaffe kaum eine Abfahrt am Stück. Die Bremskraft ist vom Start weg nicht sonderlich hoch und wird mit zunehmender Temperatur auch noch weniger. Bremskraft und Wärmeresistenz der Vorserie bleiben unverändert unspektakulär, um nicht zu sagen durchschnittlich, wenn überhaupt.


370hm am Stück – mit der Vorserie unmöglich, mit der Serie absolut drin.

An dieser Stelle war die Enttäuschung über die Vorserie natürlich groß, ich hatte ja eingangs schon erwähnt, dass die lange Entwicklungsphase und der erste Eindruck hohe Erwartungen geweckt hatten. Zeit für einen Anruf beim Hersteller. Magura scheint um die geringe Bremskraft zu wissen und stellt neue, veränderte Bremsbeläge zur Verfügung. Damit ging es dann nochmal in den Bikepark und auch auf Alpentrails, das Fazit: Besser, aber noch nicht stark. Mit den nachgebesserten Belägen liegt die Bremse in Sachen Bremskraft auf einem durchschnittlichen Niveau, Anker fühlen sich aber anders an. Das Entlüften haben wir auch probiert, es funktioniert problemlos, wieder ist das minimale Drehmoment der Dichtschrauben zu beachten, 1Nm hier. (!) Ernüchternd hingegen erneut die Beläge: Nach einer Fahrt durch Regen und Schnee im Oktober und anschließendem Stillstand kommt Rost aus der Bremse, von der Belagsrückseite. Bis hierhin waren wir doch richtig enttäuscht.


Das Testbike: Ein 170mm Enduro, bergab in seinem Element.

Wieder sprachen wir mit Magura, und weil die Jungs von ihrer Bremse überzeugt waren, haben wir noch einmal ganz von vorne angefangen, dieses Mal mit einer nun verfügbaren Serien-Version. Direkt nach dem Einbremsen stand fest: Hier haben wir etwas ganz anderes am Rad. Das quietschen des Bremshebels verschwunden, dafür plötzlich Bremspower satt. Nach wie vor gut dosierbar, aber einfach viel stärker. Jetzt schienen die Beläge zu liefern, was wir erwartet haben, die Bremse kann plötzlich mit der Konkurrenz mithalten. Mühelos gelingt, was mit dem Vorserienmodell Armkraft verlangte – so macht die Bremse Spaß. Die Bremskraft ist jetzt auf Augenhöhe mit der Formula RO, knapp unter The One und Shimano XT Trail, ähnlich einer Sram XO. Die Dosierbarkeit dabei ausgezeichnet, sozusagen Shimano nicht Formula.
Aus der höheren Bremskraft resultierten dann natürlich kürzere Bremsbelags-Kontaktzeiten, die Scheiben bleiben länger kühl, die Bremse überhitzt nicht. Auf diese Art und Weise sind längere Abfahrten drin, die Bremse ist definitiv “Lago tauglich”, so wie man es von einer modernen Scheibenbremse erwartet.

Fazit

Gute Ergonomie, geringes Gewicht und viel Feinfühligkeit sind die Hauptargumente für das neue Topmodell aus dem Hause Magura. Die Serienversion liefert jetzt auch endlich die erhoffte Bremskraft, Magura gibt weiterhin 5 Jahre Garantie auf Dichtheit. Bezüglich der Standfestigkeit kocht auch die MT8 nur mit Wasser, oder besser gesagt Mineralöl – für schwere Fahrer und lange Abfahrten große Scheiben montieren. Bei 379€ pro Bremse stimmt die Preis-/Leistung für mich überhaupt nicht; würde die gleiche Bremse für weniger Geld über den Ladentisch gehen, würde ich sie uneingeschränkt weiterempfehlen. Doch siehe da: Die beinahe gleiche Bremse gibt es für 179€ (Stück), sie heißt MT4 und bietet zusätzlich noch eine externe Druckpunktverstellung und mehr Kühlrippen – nur auf empfindliche Aluschrauben und etwas Carbon muss man verzichten, sprich 50g mehr in Kauf nehmen.

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Wer viel Wert auf Gewicht und Optik legt, wird mit der MT8 glücklich. Wem es nur um die Funktion geht, für den reicht eine MT4, maximal MT6 aus - nur ganz schwere Biker werden einen direkten Nachfolger der Gustav M vermissen.

+ Gewicht
+ Dosierbarkeit
+ 5 Jahre Garantie auf Dichtheit

- Preis/Leistung (–> MT4)
- Kaum Einstellmöglichkeiten (Geschmackssache)
- Sehr spitzer Bremshebel, billige rote Kunststoffteile


Magura MT8 – Testfahrt von nuts auf MTB-News.de


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