So schnell vergeht die Zeit – für das frisch gebackene SRAM Young Guns Team stand vor ein paar Wochen schon das Finale ihrer ersten World Cup-Saison an. Teamchef Patrick Neukirchen erzählt davon, wie alles anders kam als erwartet.

Kaum zu glauben, heute berichte ich quasi schon vom Finale des World Cups 2017. Es ist echt schwierig zu beschreiben, wie die letzten Monate verflogen sind. Im letzten Winter saß ich noch nächtelang am PC und habe die Saison 2017 geplant, organisiert und tausend andere Dinge erledigt. Nun sitze ich wieder am PC und erzähle von unserem letzten Ereignis in Val di Sole. Leider muss ich auch schon mal direkt vorwegnehmen, dass wir uns das Finale deutlich anders vorgestellt haben.

Till war die Wochen zuvor bei mir in Siegburg, um sein Führerscheinprojekt zu starten. So verbrachten wir gemeinsam viel Zeit und konnten uns perfekt auf Val di Sole vorbereiten, ein wenig MX auf unseren zahlreichen Strecken, Training im Gym und einige lustige Endurotouren. Simon verbrachte die Zeit daheim und schonte sich aufgrund seines Sturzes in Tabarz noch ein wenig.

Nun ging es auf nach Val di Sole, die Vorfreude war bei uns allen zu spüren. Simon freute sich auf seine erste Begegnung mit der harten und technischen Strecke. Till freute sich, endlich sein technisches Potenzial auf der Strecke unter Beweis zu stellen und für mich war Val di Sole einfach nur ein krönender Abschluss eines Jahres voller Emotionen, Ereignisse und unglaublichen Momenten. Für mich ist diese Reise mit den Jungs nach wie vor ein Geschenk, welches in keinster Form selbstverständlich ist. Die Chance, in dieser Form an einem World Cup teilhaben zu können, ist schlichtweg der Wahnsinn.

Beim Trackwalk
# Beim Trackwalk

Aber zurück zum Wesentlichen, dem World Cup in Val di Sole. Das Wetter war typisch italienisch, einfach ein Traum. Tolle Temperaturen, Sonne pur und eine neue Streckenführung, die zwar die Geschwindigkeit deutlich verringerte, aber technisch nochmals zulegte. Alle waren bereits beim Trackwalk begeistert und freuten sich auf jede Minute des Trainings, welches am Donnerstag pünktlich um 8.30 Uhr begann.

Die Jungs gingen die ersten Fahrten sehr ruhig und gelassen an, denn es galt erstmal den Charakter der Strecke aufzunehmen. Diese Strecke ist mit nichts zu vergleichen, ein extremes Gefälle, keine einzige Sektion um sich mal kurz zu erholen, Steine und Wurzeln vom ersten Eintritt in den Wald bis zur Ziellinie. Sowohl physisch als auch psychisch die härteste Herausforderung, aber das Grinsen der Jungs konnte nach der ersten Abfahrt nicht breiter sein. Die Jungs hatten richtig viel Spaß und Bock, also ab zur zweiten Trainingsfahrt. Beide fanden recht schnell ihren Trainingsrhythmus und spulten ihr Trainingsprogramm ab. Die Strecke musste in den Kopf, dabei war darauf zu achten, den Körper nicht schon beim ersten Training an die Grenzen zu bringen, denn der Qualilauf würde alles abverlangen.

Till war sehr gut drauf, vom Streckenrand beobachtete ich die Beiden beim Training. Sie fuhren sehr sicher, dennoch war es für mich unheimlich schwierig zu beurteilen, ob der Speed reichen würde. Till machte noch eine letzte Abfahrt, um das Tempo zu erhöhen. Derweil befanden wir uns bereits am Pit, um unseren neuen Mechaniker willkommen zu heißen. Das war ein kleines Geschenk von Canyon: einen eigenen Mechaniker für unseren letzten WC 2017. Hammer, was ein Gefühl!

Überraschung: Zum Mechaniker gab es ein mit goldenen Schriftzügen versehenes Sender
# Überraschung: Zum Mechaniker gab es ein mit goldenen Schriftzügen versehenes Sender - damit bei der Weltmeisterschaft nichts mehr schief gehen kann
Der goldene Schriftzug glänzte in den italienischen Wäldern
# Der goldene Schriftzug glänzte in den italienischen Wäldern

Es verging einige Zeit, alle waren locker und entspannt, nur Till erschien nicht. So langsam stieg unsere Nervosität an. Der müsste doch schon längst bei uns sein, das A-Training hat begonnen! Ich sprintete los, begab mich in die Gondel und versuchte Infos zu erhaschen. Es gab einen Sturz, direkt im oberen Teil, hieß es. Raus aus der Gondel und die UCI-Beauftragten gefragt. Nach kurzer Rücksprache bekam ich die Info, dass es einen Sturz an Posten 34 gab, ziemlich weit unten. Zurück in die Gondel. In der Gondel, nahe des Zielbereichs, konnte ich schon einen Rettungswagen am Sanitäter-Zelt und leider auch den beunruhigten Vater von Till erkennen. Meine Stimmung änderte sich schlagartig, als ich die Gewissheit erhielt, dass Till gestürzt war. Wir packten Till umgehend ins Auto und fuhren Richtung Krankenhaus. Till konnte selbstständig gehen, hatte aber auf seiner linken Schulterseite extreme Schmerzen. Nachdem wir fast den gesamten Tag im Krankenhaus verbracht hatten, war klar, dass Till definitiv nicht mehr fahren konnte. Aber zum Glück ergaben die Untersuchungen keine gravierenden Verletzungen. Innere Organe waren nicht betroffen, lediglich die erste Rippe oberhalb des Schlüsselbeins war gebrochen. Im Anbetracht des Sturzes eine verhältnismäßig glimpfliche Verletzung.

Simon musste alleine für die Young Guns die Fahne hochhalten
# Simon musste alleine für die Young Guns die Fahne hochhalten

Jetzt galt es nur zu hoffen, dass die Teilnahme an der WM in Cairns nicht gefährdet und Till rechtzeitig wieder fit ist. Ich setzte mich mit Fabian Waldenmaier in Verbindung, um ihn über die Geschehnisse zu informieren und herauszufinden, ob Till dennoch mit nach Cairns durfte oder ob ein anderer Athlet nachnominiert werden sollte. Das Gespräch war Till sehr wichtig, denn er wollte unter keinen Umständen einen anderen Fahrer benachteiligen.

Zurück am Pit konnten wir die Gemüter etwas beruhigen und unseren Fokus wieder auf die Strecke legen. Simon wollte seine zweite Qualifikation fürs WC-Finale schaffen! Seine Motivation vor dem Wochenende war enorm. Leider wirkte Simon an diesem Tag aber nicht so entspannt. Wir mussten einige Änderungen am Setup vornehmen, die Strecke war zu heftig und kraftraubend. Simon hatte enorme Schwierigkeiten seine Kräfte einzuteilen. Das Setup wurde deutlich weicher abgestimmt, Kräfteverluste auf dieser Strecke sind verheerend. Gemeinsam checkten wir im A-Training nochmals die Strecke, unsere Befürchtungen, dass die Strecke noch „ausgebombter“ sein würde, bewahrheiteten sich. Die Streckenbegehung sorgte bei Simon für deutlich mehr Anspannung.

Thursday Val di Sole0991
# Thursday Val di Sole0991

Gemeinsam fuhren wir mit der Gondel hoch zum Start und ich versuchte Simons Anspannung zu nehmen und ihn selbstbewusst zu stimmen. Ich wünschte mir so sehr, dass er die Quali schaffen würde, um mit einer Riesenportion Selbstbewusstsein nach Australien zu fliegen. Leider kam es dann wie befürchtet, Simon schwanden die Kräfte und die Quali mutierte zu einer Herausforderung. Nach einem Nahtoderlebnis bei der Quali war der Faden völlig gerissen und Simon entschied sich, das Tempo zu drosseln. Er wusste, dass er keine Chance mehr auf die Teilnahme am Finale haben würde. Ich bewunderte Simons Entscheidung auf Sicherheit zu fahren, statt seine Gesundheit zu gefährden und bin mächtig stolz auf ihn. Eins sollte man an dieser Stelle betonen: Jeder der das erste Mal in Val di Sole an den Start ging, hat Lehrgeld zahlen müssen. Um auf dieser Strecke bestehen zu können, braucht es eine Menge Erfahrung. Simon und Till haben davon an diesem Wochenende einiges sammeln können.

Die technischen Sektionen machten Simon zu schaffen
# Die technischen Sektionen machten Simon zu schaffen

Wie anfangs erwähnt, sah das Wochenende in meinem Traum deutlich anders aus, dort sah ich zwei coole Athleten, die im Finale an den Start gehen sollten. Aber manchmal kommt alles anders als gedacht, besonders an diesem Wochenende. Nunja, nach weiteren Checks erhielt Till grünes Licht vom Arzt für die Teilnahme an der WM in Australien. Dies ist ein absolutes Highlight für jeden Fahrer und ein stolzer Moment für unsere Jungs, ihr Land vertreten zu dürfen. Vielen Dank auch an Fabian für die Nominierung.

Für uns ist die Saison nach diesem Wochenende noch nicht ganz beendet, wie geschrieben waren Till und Simon in Cairns vertreten und unsere beiden Mini-Raketen Luis und Henri starteten in Oberammergau zum vorletzten Rookies Cup. Berichte folgen natürlich!

Text: Patrick Neukirchen | Bilder: Sebastian Sternemann
Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

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  2. benutzerbild

    luniz

    dabei seit 11/2002

    Danke für den tollen Bericht! Und ein riesen Respekt an jeden, der da auf Zeit runter fährt... Ich habe es letztes Jahr zur Masters WM versucht und auch ich habe gegen die Strecke Lehrgeld zahlen müssen... Sie ist einfach richtig lang und hart! Einziger Punkt zum Verschnaufen sind die 20m über die Brücke Ende des ersten Drittels. Da muss man schon sehr fit sein, um unten raus nicht eher Passagier als Pilot seines Sportgerätes zu sein!

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