In den vergangenen Jahren scheint das Thema Gewicht an Bedeutung verloren zu haben und die Gleichung: Leichter = Besser! nicht mehr als gesetzt zu gelten. Gleichzeitig ist Carbon zum Mainstream geworden und wird für immer mehr Komponenten verwendet. Grund genug, über Gewicht zu sprechen.

Neulich habe ich ein wunderschönes neues Ibis Ripley Gen 3 aufgebaut und, als es fertig war, wie gewohnt an die Waage gehängt. 12,9 kg sprach die Waage. Das ist kein schlechter Wert, aber zuerst einmal: es ist der gleiche Wert, wie ich ihn vor genau sieben Jahren schon einmal für ein Bike gemessen habe: Bei meinem damaligen Nicolai Helius AM. Die Bikes könnten unterschiedlicher nicht sein: Fette 29 x 2,6″ Reifen heute versus 26 x 2,35″ damals, Carbon-Rahmen versus Alu-Rahmen, 140 mm versus 170 mm Federweg. Das Gewicht hat sich in meinem Fall offenbar vom Rahmen in die Reifen verschoben, und auch wenn bei beiden Bikes ein wenig aufs Gewicht geachtet wurde, komme ich nicht umher, zu sagen: Gewicht ist heute weniger wichtig als noch vor einigen Jahren.

Ibis Ripley LS mit 29+ wiegt auch 13 kg
# Ibis Ripley LS mit 29+ wiegt auch 13 kg - Viel Gewicht entfällt natürlich auf die 29" x 2,6" Reifen.
Nicolai Helius AM wiegt 13 kg
# Nicolai Helius AM wiegt 13 kg - 1x10 Antrieb und Carbon-Laufräder sparten Gewicht.

Ich kann mich noch erinnern, gar nicht lange her, da schien Gewicht eines der bedeutendsten Merkmale eines neuen Fahrrades, eines neuen Reifens oder einer neuen Gangschaltung. Inzwischen ist das Gegenteil der Fall: Neue Bikes werden vorgestellt, ohne dass es überhaupt eines Gewichtsangabe gibt. Neue Modelle sind gleich schwer wie ihr Vorgänger. Mehrgewicht wird sehenden Auges in Kauf genommen. Was ist passiert?

Zunächst einmal sind viele Mountainbikes heute schlicht schon relativ leicht: Hardtails unter 9 kg, Fullies unter 10 kg, Enduros unter 13 kg sind eher die Regel als die Ausnahme, wenn man sich im High-End-Sektor umschaut. Selbst Downhill-Bikes haben merklich abgespeckt, Peatys 16,3 kg WM-Bike von 2005 weiß heute nicht mehr zu beeindrucken, und niemand muss seine Bremsscheibe mehr mit nur 3 Titan-Schrauben befestigen, um ein derartiges Gewicht zu erreichen.

Warum ist der Leichtbau inzwischen ins Stocken geraten?

Würde sich ein 6 kg Hardtail etwa keiner großen Beliebtheit erfreuen? Ein 11 kg Downhill-Bike? Tatsächlich ist das – zumindest für einige Spielarten des Mountainbikens – fraglich, bis zu welchem Zeitpunkt Leichtbau wirklich zu mehr Fahrspaß führt. Persönlich habe ich das schmerzlich erfahren, als ich mein Cannondale Chase für den Pumptrack unter 10 kg getunt hatte. Reifen mit Seitenwänden dünn wie Zeitungspapier, abgesägte Sattelstütze, Alu-Schrauben am Bremshebel; einfach das volle Programm. Und wie fuhr sich das Bike? Auf dem Weg zum Pumptrack toll, beschleunigte wie die Sau. Dort angekommen musste ich aber leider feststellen: Meine Sprungtechnik ist gar nicht mal so sauber, und mit dem leichten Rad flog ich relativ häufig unschön schräg durch die Luft. Ich konnte es kaum glauben, montierte direkt die schwereren Laufräder, und musste mich der Wahrheit geschlagen geben: Ein leichteres Rad ist nicht zwangsläufig eines, auf dem ich mehr Spaß habe.

Dieses Cannondale Chase zeigte mir, dass weniger nicht immer mehr ist
# Dieses Cannondale Chase zeigte mir, dass weniger nicht immer mehr ist - ich hatte noch leichtere Räder montiert und damit die 10 kg Marke geknackt. Und nie weniger Spaß mit dem Bike gehabt!

Andererseits springen die wenigsten Mountainbiker wirklich viel mit ihrem Sportgerät, würden für weniger Trägheit bergauf oder in Kurven durchaus etwas geben. Aber, so sehr sich die einen Entwickler auch anstrengen, und Gramm um Gramm einsparen – es scheint, als hätten die anderen Entwickler etwas dagegen und werfen immer neue Steine in den Weg: Ob 29″, Teleskopstütze, langer Reach oder breiter Lenker – so einige Innovationen der vergangenen Jahre haben beträchtliches Mehrgewicht bedeutet.

Leichterer Rahmen, schwerere 29+-Räder
# Leichterer Rahmen, schwerere 29+-Räder - gefühlt gab es für jede Gewichtsreduktion eine Innovation, die wieder Gewicht hinzufügt.

Das zeigt, dass Mountainbiker durchaus zu einer gesamtheitlichen Betrachtung in der Lage sind: 29″-Reifen, Laufrad, Gabel und Rahmen mögen mehr wiegen – doch das bessere Überrollverhalten und der geringere Rollwiderstand wiegen schwerer. Gleiches gilt im Fall der Teleskopstütze, die leicht 300-400 g extra bedeutet, aber für viele Mountainbiker schlicht nicht mehr zur Diskussion steht. So gesehen müssten unsere Bikes heute viel schwerer sein als noch vor einigen Jahren, doch offensichtlich reichen die Fortschritte in Sachen Konstruktion und Produktion aus, um diese Rückschläge zu kompensieren – wirklich leichter werden unsere Bikes aber dadurch nicht mehr.

Aber ganz generell: Das Gewicht ist eigentlich keine gewichtige Sache. Eher das Gewichtsverhältnis. Wen es interessiert: Der deutsche Durchschnittsmann bringt es auf 82 kg. Ob das Fahrrad jetzt 11 oder 14 kg wiegt macht am Gesamtsystem des Bikers ehrlich gesagt kaum einen Unterschied (um genau zu sein: 3,5 %). Der Durchschnitts-Fahrer ist fast sechs Mal so schwer wie sein Fahrrad! Frauen und Kindern geht es hier anders – die Durchschnittsfrau ist 15 kg leichter, wiegt also nur das Fünffache. Und Kinder, hört mir auf! Kinder-Mountainbikes namhafter Hersteller wiegen häufig trotzdem noch über 12 kg, das passende 11-jährige Kind dazu 43 kg. Wenn ich mir jetzt überlege, ich müsste ein 20+ kg Trailbike bewegen, frage ich mich durchaus, wie viel Spaß das macht. Wer es ausprobieren will: Einfach mal E-MTB-Fully ohne E-Unterstützung fahren. Und: Respekt an die Kids.

Reaper 26 Hero
# Reaper 26 Hero - 12,2 kg sind leider auch für ein Erwachsenen-Trailbike kein tolles Gewicht, schon gar nicht ohne Dropper-Post oder ähnliches.

Die naheliegende Lösung ist natürlich einfach: Helium in den Rahmen und die Reifen! Bevor die Euphorie zu groß wird: Helium hat zwar tatsächlich nur ca. 1/6 der Dichte von Luft und auf der Waage würde das Bike dadurch um ungefähr 15-30 g leichter (Plus-Reifen klar im Vorteil!), aber: Leider ändert das an der Masse nichts. Das Rad würde sich genau so träge beschleunigen lassen wie zuvor auch. Das Helium fügt im Grunde nur Auftrieb nach oben hinzu, die Masse des Fahrrades in Fahrtrichtung zu beschleunigen bleibt aber gleich schwer. Wer sich jetzt gerade fragt: Ja, die Luft in den Reifen wiegt etwas. Je nach Reifendruck und Reifenvolumen mehr oder weniger, und wer es nicht glaubt, der möge es einfach wiegen (1x LRS aufgepumpt und 1x LRS nicht aufgepumpt auf die Waage stellen. Die Waage sollte auf min. 1 g genau gehen.). Viel entscheidender sind aber, wie gesagt, das Gewichtsverhältnis und die Gewichtsverteilung! Deshalb geht’s in der nächsten Ausgabe von Dreh-Momente um ungefederte und rotierende Massen.

Fazit

Durch ausgefuchsten Leichtbau ließ sich das Mehrgewicht von Neuerungen wie Dropper-Post, 29″-Rädern, ProCore und Konsorten ziemlich gut kompensieren – die Zeiten des krassen Leichtbaus sind, bis auf Ausnahmen, aber vorbei. In einigen Fahrsituationen ist weniger außerdem nicht unbedingt mehr, denn ein schwereres Rad liegt auch stabiler. Habt ihr schon einmal ähnliches festgestellt? Oder sucht ihr weiter jedes Gramm?




  1. benutzerbild

    Oldie-Paul

    dabei seit 08/2011

    Milsani
    In der Formel bestimmt, aber hast du mal das Rad auf den Kopf gestellt, mit dem kleinen Finger das Rad angestubst und in Rotation versetzt? Für mich fühlt sich die dazu nötige Energie eher nach Milliwatt als nach Watt an.
    Wenn das so ist, dann ist das ganze gerede über die böse rotierende masse ohnehin spiegelfechterei. :ka:
  2. benutzerbild

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  3. benutzerbild

    shnoopix

    dabei seit 11/2016

    Oldie-Paul
    Wenn das so ist, dann ist das ganze gerede über die böse rotierende masse ohnehin spiegelfechterei. :ka:
    Klar, aber Unternehmen können mit wenig Gramm und wenig Watt ne Menge Kohle machen.
    In gewissem Rahmen ist da überall was dran, aber wenn's um Unterschiede von wenigen Gramm und Watt geht, driftet die Sache dann irgendwann in den esotherischen Bereich ab.
  4. benutzerbild

    Ramirez41

    dabei seit 05/2017

    schobbeschorle
    Tut mir Leid, ich fahre lieber auf meinem 8,7 kg Hardtail als auf einem 13,5 kg wippenden Downhillmonster mittlerweile. 5kg Unterschied machen sich sehr wohl bemerkbar. Da Hardteil ist leichter, schneller genauso stabil und macht summa sumarum mir im Moment mehr fun.

    Ganz einfache Rechnung:
    - 10 km Bergauf mit 10% Steigung, 80 kg Fahrer, 8 kg Gewicht Rad, 200 Watt Power:
    - 1:17:55 h

    - 10 km Bergauf mit 10% Steigung, 80 kg Fahrer, 14 kg Gewicht Rad, 200 Watt Power:
    - 1:23:20 h

    Also macht das hier schonmal 6 Minuten aus (-7,2 %). Optimiert man jetzt noch den Fahrer auf 70 kg. dann ist man mit dem leichten System bei 1:09 h und damit ist der leichtere Fahrer+Bike bei gleicher Wattzahl schon 14 Minuten (-16,8%) vorher da...

    Klar kein Mensch fährt über eine Stunde so bergauf. Daher ist Gewichtstuner eher was für Marathon-Fahrer, Freaks oder Profis, die jede Sekunde brauchen.. Für den Otto-Normal-Fahrer sind 1 - 2 kg sicher total uninteressant.
    Rechne das mal auf einen 1800 m Anstieg. Tremalzo. Da reden wir über eine Stunde Unterschied!
  5. benutzerbild

    oeger

    dabei seit 06/2011

    Setzen, 6. Mit den Werten aus der Berechnung sind es nichtmal 10 Minuten Unterschied!
  6. benutzerbild

    Tyrolens

    dabei seit 03/2003

    Bejak
    Die größe des Rades spielt keine Rolle, wie schnell das Rad in eine Senke einrollt. Es sei denn, die Senke ist so klein, dass das größere Rad nicht mehr rein passt...
    Da lehrt die Erfahrung etwas anderes.

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