Macht dich das E-MTB zum besseren Mountainbiker?
Der Einsatz von Elektromotoren im Mountainbike hat unsere Sportart stärker revolutioniert als jede andere technische Neuerung der jüngeren Vergangenheit. Plötzlich rasen E-Mountainbiker mit aberwitzigen Geschwindigkeiten und ohne sichtbare körperliche Anstrengung die Berge hinauf. Das kann man gut oder auch nicht gut finden. Fakt ist allerdings: das E-MTB ist da und wird auch nicht mehr verschwinden.
Was vor einigen Jahren erst mal nur von einigen schrägen Vögeln angenommen wurde, ist mittlerweile in der breiten Mountainbike-Masse angekommen. Auch ich, der anfangs verächtlich auf die faulen E-Biker herabgeblickt hat, bin jetzt regelmäßig mit dem E-MTB unterwegs. Was mir dabei am besten gefällt, ist ziemlich klar: mehr Tiefenmeter und Trails in viel kürzerer Zeit. Der Bikepark-Cheat-Modus für die Hometrails sozusagen.
Während ich meine E-Bikes Laps abspule, tanzt mir regelmäßig eine Frage durch den Kopf: Macht mich das E-Biken zum schlechteren oder vielleicht sogar zum besseren Mountainbiker? Was kann man durchs E-MTB-Fahren lernen, verbessern und optimieren und wo hat das durch den Wald Boosten negative Folgen für mich? Diesen Fragen möchte ich diesem Artikel auf den Grund gehen.
Was heißt überhaupt „besserer Mountainbiker“?
Um die Frage fachgerecht erörtern zu können, muss zunächst geklärt werden, was es überhaupt heißt, ein besserer Mountainbiker zu werden. Dies kann nämlich jeder anders definieren. Während für den einen nur die Uhr bergab zählt, sind für den anderen krasse Whips der Gradmesser, für den nächsten zählt hingegen lediglich, wie schnell man die Konkurrenz im Uphill versägt. Schlussendlich muss aber jeder selbst entscheiden, ob er als zukünftig bester Mountainbiker der Welt Nino Schurter, Brandon Semenuk oder doch Nico Vouilloz nacheifern möchte.
Für mich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, wobei mein Haupt-Fokus im Abfahrtsbereich liegt. Dennoch sind mir natürlich auch die körperliche Fitness und der Style auf dem Bike sehr wichtig. Doch welche dieser Parameter können auch oder sogar besser mit dem E-Bike trainiert werden? Ihr werdet es euch bereits denken: es sind die Abfahrtsskills! Doch auch für Ausdauer und Style kann das E-Bike ein spannendes Trainingsgerät sein.
Wie macht mich das E-Bike zum besseren Mountainbiker?
Viel hilft viel: Mehr Downhill-Trails in kürzerer Zeit
Die größte Stärke des E-Bikes liegt auf der Hand. Mit Motor-Unterstützung kann man innerhalb kürzester Zeit ordentlich Höhen- und Tiefenmeter sammeln. Strecken, die bei einer klassischen Enduro-Tour mehrere Stunden in Anspruch nehmen, hat man mit dem E-Bike in einem Bruchteil der Zeit absolviert. Ergo, wer viel Wert auf den Downhill legt, kann das E-Bike sozusagen als Liftersatz nutzen und innerhalb kürzester Zeit richtig viele Trails fahren. Hinzu kommt, dass man vom Uphill nicht ganz so angestrengt ist wie beim normalen Mountainbiken und so mehr Power in die Abfahrt stecken kann.
Es sollte niemanden verwundern, dass die Devise „viel hilft viel“ auch beim Mountainbiken gilt. Wenn du durch das E-Bike deutlich mehr Tiefenmeter sammelst, wirst du dies definitiv auch in deinem Skillset spüren.
Laps, Laps, Laps: Sessioning schärft deinen Sinn für die Linienwahl
Wer kennt es nicht: Kurve zu weit innen angefahren, Speed verloren, Abschnitt im Arsch. Aber jetzt noch mal mit dem Mountainbike hochschieben oder hochtreten? Lieber nicht! Auch hier kann das E-Bike nützlich sein, um die Hemmschwelle zu senken, kurze Trails oder Abschnitte öfter und immer wieder Back-to-Back zu fahren. Gerade wenn sich diese gut über einen Forstweg hochfahren lassen, hat man hier blitzschnell ein paar Runden drin. Dadurch kann man seine Linienwahl optimieren, mal was anderes ausprobieren oder sich einfach immer weiter ans Limit herantasten. Das bringt dich und dein Mountainbike-Game deutlich weiter als die selbe Stelle auf deiner Enduro-Tour jedes Mal aufs Neue wieder nur mittelgut zu absolvieren.
Klar, das Ganze geht problemlos auch mit dem Mountainbike. Aber das E-Bike hilft hier effektiv, um den inneren Schweinehund zu überwinden.
Höheres Gewicht, größerer Trainingseffekt
Neben all den Vorteilen, die ein E-Bike mit sich bringt, gibt es allerdings auch einen deutlich spürbaren Nachteil: Die Mofas sind im Vergleich einfach ziemlich schwer. Was sich bisweilen negativ auf den Fahrspaß auswirkt, ist zu Trainingszwecken allerdings alles andere als schlecht. Um das E-MTB aktiv über den Trail zu steuern, in Kurven zu drücken, auf die Highline zu ziehen, auf steilen Trails unter Kontrolle zu halten oder durch die Luft zu wirbeln, ist deutlich mehr Körpereinsatz nötig als am leichteren MTB. Dadurch werden natürlich auch die Muskeln mehr beansprucht und besser trainiert als am herkömmlichen Mountainbike. Dieses kannst du schlussendlich umso leichter und somit auch länger über den Trail wirbeln.
Sicherheits-Boost dank tiefem Schwerpunkt
Ein weiterer Faktor, durch den sich das E-Bike positiv auf deine Mountainbike-Fähigkeiten auswirken könnte, ist der tiefe Schwerpunkt. Dieser sorgt in Kombination mit dem hohen Gewicht für mehr Laufruhe und somit ein höheres Sicherheitsempfinden auf den Trails. Dieser Sicherheits-Boost nimmt der kniffligen Stelle oder dem anspruchsvollen Trail, um den man immer einen Bogen gemacht hat, vielleicht den Schrecken. Zudem traut man sich dadurch eventuell, schneller zu fahren und seine Grenzen zu verschieben. Diese befinden sich nämlich meist im eigenen Kopf. Die gemachten Fortschritte lassen sich dann natürlich aufs Mountainbike übertragen.
Mehr Bikebeherrschung dank technischer Uphills
Wer schaut nicht gebannt und ehrlicherweise auch ein bisschen eifersüchtig zu, wenn Danny MacAskill auf seinem Hinterrad von Treppengeländer zu Treppengeländer hüpft und damit Bike-Handling par excellence demonstriert? Doch wo kommt hier das E-Bike ins Spiel? Im Uphill natürlich. Das E-Bike eröffnet nämlich eine gänzlich neue Art des Mountainbikens. Dank Motor-Unterstützung kann man steile Hänge und anspruchsvolle Trails hochklettern, bei denen man mit dem herkömmlichen Mountainbike abwinken würde. Die Fahrrad-Variante des Hardenduros macht aber nicht nur richtig viel Spaß, sondern schult dabei ganz nebenbei noch die Bike-Beherrschung.
Z2-Training ohne Langeweile
Jeder, der sich bereits ein wenig ernsthafter mit Ausdauer-Training befasst, wird der Begriff Z2-Training geläufig sein. Diese langen, wenig intensiven Trainingseinheiten in einer bestimmten Herzfrequenzzone sind aus den Trainingsplänen von Ausdauersportlern nicht wegzudenken. Was gibt es allerdings Langweiligeres, als stundenlang mit angezogener Handbremse durch die Landschaft zu juckeln und nur darauf zu achten, dass die Herzfrequenz bloß nicht über den Grenzwert ansteigt?
Wäre es da nicht praktisch, wenn das auch mit Spaß gehen würde? Mit dem E-Bike ist das möglich. Dank Motor-Unterstützung kann man seine normalen Mountainbike-Runden im Wald abspulen und dabei ganz gezielt die Belastung über die Unterstützungsmodi steuern. Man ist also trotzdem schnell unterwegs und muss auch steilere Anstiege nicht meiden. Zudem sorgen gelegentlich Trail-Einlagen für Fahrspaß. Hierfür muss man dann allerdings auch mal ein Auge zudrücken, da der Puls im Downhill schnell mal in die Höhe schießt.
Der innere Schweinehund hat es schwerer
Das Wetter ist mies, du hast schlecht geschlafen oder du hast einfach nicht viel Zeit? Jetzt raus und sich aufs Mountainbike quälen oder doch lieber auf der Couch bleiben? Bei dieser Frage hilft das E-Bike sehr. Dadurch, dass man sich mit dem Mopped nicht ganz so quälen muss, fällt der Schritt vor die Tür und in den Wald gerade an schlechten Tagen deutlich leichter. Und hier gilt: Lieber E-Bike fahren als gar nicht fahren.
Auch wenn man gerade aus einer Krankheit oder Verletzung kommt oder ein wenig verschnupft ist, kann das E-Bike helfen, Fitness wieder aufzubauen oder den Körper zu schonen, ohne dass man ganz auf sein geliebtes Hobby verzichten muss.
Faul, unsportlich und langsam: Diese Gefahren birgt das E-Biken
Der Motor ist ein Cheat-Code für den Wald
Der E-Bike-Motor hat ziemlich Bums und schiebt einen effektiv die Berge hoch. Doch auch im Downhill bringt das Aggregat Vorteile mit sich. Ein kleiner Kick in die Pedale reicht aus und schon wird man mit ordentlich Vortrieb belohnt. Hat man sich mal versteuert, verbremst oder die falsche Linien gewählt, so ist man dadurch schnell wieder auf Reisegeschwindigkeit. Dies bringt allerdings nicht nur Vorteile mit sich. Da diese Fahrfehler dank Motor-Boost so schnell und einfach überspielt werden können, lernt man weniger daraus und verpasst es dabei, sein Mountainbike-Level Stück für Stück upzugraden. Der Cheat-Code für den Wald steht deiner Lernkurve also im Weg.
Außerdem wird auch die Fähigkeit, Geschwindigkeit aufzubauen, ohne dabei den Antrieb zu nutzen, weniger geschult. Warum soll man sich mühselig aus Anliegern rauspushen oder durch Wellen drücken, wenn man auch mit einer viertel Kurbelumdrehung effektiv Geschwindigkeit dazugewinnt?
Kondition wird nicht unbedingt im gleichen Maße trainiert
Ein weiterer offensichtlicher Punkt ist zudem, dass der Fitness-Zugewinn durch E-Biken nicht gleichermaßen hoch ausfällt. Klar kann man sich auch mit einem E-Bike ordentlich auspowern und richtig Druck auf die Pedale bringen. Ohne Motor sieht die Welt aber immer noch anders aus. Bei einer normalen Mountainbike-Runde muss man im Schnitt deutlich mehr Watt auf die Pedale bringen, um vorwärts und vor allem bergauf zu kommen. Dementsprechend wird man so auch deutlich fitter. Wer nur noch E-Bike fährt, wird dies sehr wahrscheinlich mit einem Konditions-Verlust bezahlen.
Quäl dich, du Sau: Die mentale Stärke leidet
„Quäl dich, du Sau“ ist wohl eines der bekanntesten und zutreffendsten Zitate der Radsport-Geschichte. Durchbeißen und Quälen gehört zum Mountainbiken einfach dazu. Auch wenn im letzten Anstieg die Beine brennen und man einfach nur noch auf die Couch will, zieht man durch. Das E-Bike hingegen liefert oft eine bequemere Lösung. Geht es mal etwas schwerer voran oder langsamer als gewünscht, so hilft ein Klick auf die Lenker-Remote und man bekommt noch mal mehr Power aus dem Maschinenraum. Durch diesen Bequemlichkeits-Boost läuft man Gefahr, seine hart erarbeitete Belastbarkeit und die Fähigkeit, auf dem Zahnfleisch zu gehen, einzubüßen.
Fazit
Macht mich das E-Bike also zum besseren Mountainbiker? Meine Antwort auf diese Frage ist: Ja. Richtig und in Maßen eingesetzt kann das E-MTB nicht nur jede Menge Spaß machen, sondern auch einen echten Trainings-Benefit bringen. Gerade die Abfahrts-Skills können so effektiv geschult werden. Allerdings sollte man sich gerade, was den Konditions-Aspekt angeht, nicht selbst belügen und aufpassen, dass hier kein Schlendrian entsteht – sonst wird man dies durch einen Fitness-Verlust bezahlen. Wer allerdings die Möglichkeit hat, neben einem Mountainbike auch noch ein E-Mountainbike sein Eigen zu nennen und beides zielgerichtet einsetzt, der wird durch die Kombination sicher zu einem etwas besseren Mountainbiker.
Was ist deine Meinung? Bist du gelegentlich auch mit dem E-Bike unterwegs oder Mountainbike-only?
128 Kommentare
» Alle Kommentare im ForumKann jedem E-Bike-hater mal empfehlen an einem sonnigen Tag im Frühling in den nächsten Bikeshop zu gehen, seine Vorurteile am Eingang abzugeben und sich ein E-Bike zu leihen. Schön mal n Akku auf seinen Lieblingstrails leer fahren und sich am Abend dann die Frage stellen: Hat das jetzt Spaß gemacht oder nicht?
Hier gehts sicher immer nur um den Straßenverkehr. Und falls nicht stützt das ja genau das, was ich sage.
Man sollte die ganzen Ebike Einsteiger mal mit ne normalen Rad fahren lassen. Und falls die es dann überhaupt noch auf einen Berg schaffen sollten: Unten werden die meisten dann auch nicht mehr heile ankommen 🤣
Wusste gar nicht, dass es die Teile noch gibt. Bei den Gebirgsjägern haben wir damit geschossen.
Wie lächerlich hier schon wieder die alten Herren argumentieren, dass ein E-Bike kein Fahrrad ist. Ihr merkt auch garnix mehr. Als ob man mit der Surron durch den Wald pfeifen würde.
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