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Zum Interview trafen wir Stefan Herrmann in München und konnten uns seine Bike-Sammlung angucken!
Zum Interview trafen wir Stefan Herrmann in München und konnten uns seine Bike-Sammlung angucken!
Beeindruckende Bike-Sammlung
Beeindruckende Bike-Sammlung - obwohl Stefan nicht mehr alle seine alten Räder besitzt, hat sich ordentlich was angesammelt!
Es ist zwar nicht klar, ob er der älteste Racer Deutschlands ist
Es ist zwar nicht klar, ob er der älteste Racer Deutschlands ist - aber Stefan Herrmann ist wirklich schon eine ganze Weile dabei!
An jedem Bike hängen einmalige Erinnerungen an Erfolge und auch Misserfolge.
An jedem Bike hängen einmalige Erinnerungen an Erfolge und auch Misserfolge.
1985: Pause zwischen Moto-Cross-Runs im 2 CV Kastenwagen.
1985: Pause zwischen Moto-Cross-Runs im 2 CV Kastenwagen.
8 Jahre alt, auf dem Weg zum Zelten
8 Jahre alt, auf dem Weg zum Zelten - auf dem Bonanza Rad!
Die Anfänge: Gefedert war hier gar nichts!
Die Anfänge: Gefedert war hier gar nichts!
1993: Der erste Sponsor ist an Bord: Marin.
1993: Der erste Sponsor ist an Bord: Marin.
1993: Tabletop, Whip, voll aufgedrehter Style-Hahn auf dem XC-Bike.
1993: Tabletop, Whip, voll aufgedrehter Style-Hahn auf dem XC-Bike. - Bombenkrater München
In der Badewanne mit Mario Thoma, Adrian Vesenbeckh, Florian Dietrich und Michael Gölles
In der Badewanne mit Mario Thoma, Adrian Vesenbeckh, Florian Dietrich und Michael Gölles - das Ice Cube Race in Cortina d'Ampezzo. Bei diesem Einladungsrennen, hatte Stefan richtig oft Angst.
DH-Rennen im Bayrischen Wald, der Kerl gegenüber mit den langen blonden Haaren ist Holger Meyer
DH-Rennen im Bayrischen Wald, der Kerl gegenüber mit den langen blonden Haaren ist Holger Meyer - im Gespräch mit Holger ist Peter. Er hatte eine der ersten Elastomer-Gabeln. Beim Rennen in Cup d'Ail ist die am Start einmal eingetaucht und erst im Ziel wieder rausgekommen. Es war recht steil dort.
1993: Super Cup (Vorläufer des World Cup) in Lillehammer - da hat es mich geschmissen, ich sah aus wie Huevo Revolto oder Revuelva und ich konnte nicht mehr klar sehen
1993: Super Cup (Vorläufer des World Cup) in Lillehammer - da hat es mich geschmissen, ich sah aus wie Huevo Revolto oder Revuelva und ich konnte nicht mehr klar sehen - das linke Auge sah nach rechts und das rechte nach links, ein komisches Gefühl. Zum Glück war das noch im Training. Am nächsten tag war ich wieder am Start zur Quali.
1996: Masters Weltmeister in Cairns, Australien.
1996: Masters Weltmeister in Cairns, Australien.
1997: Platz 2 (Ü30) bei der BMX WM im französischen Vallet.
1997: Platz 2 (Ü30) bei der BMX WM im französischen Vallet.
Bogner als Mountainbike-Sponsor? Ja!
Bogner als Mountainbike-Sponsor? Ja!
Pumptrack-Fahren ist ein ideales Training für den ganzen Körper.
Pumptrack-Fahren ist ein ideales Training für den ganzen Körper.
Ein Pumptrack im eigenen Garten …
Ein Pumptrack im eigenen Garten …
… es sollte viel mehr (öffentliche) Strecken in Deutschland geben!
… es sollte viel mehr (öffentliche) Strecken in Deutschland geben!
181111 Interview Stefan Herrmann-2
181111 Interview Stefan Herrmann-2
181111 Interview Stefan Herrmann-1
181111 Interview Stefan Herrmann-1
Neben den Rennen und Sponsoren-Veranstaltungen ist die MTB-Academy etwas, auf das Stefan Herrmann wirklich stolz ist!
Neben den Rennen und Sponsoren-Veranstaltungen ist die MTB-Academy etwas, auf das Stefan Herrmann wirklich stolz ist!
Rennen sind ein wichtiger Teil von Stefan Herrmanns Leben gewesen
Rennen sind ein wichtiger Teil von Stefan Herrmanns Leben gewesen - und sind es noch heute!
Große Sponsoren, die früher fester Bestandteil des Mountainbike-Sports waren
Große Sponsoren, die früher fester Bestandteil des Mountainbike-Sports waren - heute hat sich die Sponsoring-Szene geändert und es können nur wenige Fahrerinnen und Fahrer wirklich von ihrem Sport leben.
181111 Interview Stefan Herrmann-13
181111 Interview Stefan Herrmann-13
Bei Stefan Herrmann fanden wir Helme und Pokale aus über 30 Jahren MTB-Geschichte.
Bei Stefan Herrmann fanden wir Helme und Pokale aus über 30 Jahren MTB-Geschichte.
Neben den Bikes und Pokalen sind die Helme ein spannender Teil von Stefans Sammlung.
Neben den Bikes und Pokalen sind die Helme ein spannender Teil von Stefans Sammlung.
Ja, damit ist man damals Downhill gefahren!
Ja, damit ist man damals Downhill gefahren! - Auch hier lässt sich die technische Entwicklung in beeindruckender Art und Weise nachvollziehen.
In den über 30 Jahren auf dem Bike haben sich unzählige Pokale angesammelt
In den über 30 Jahren auf dem Bike haben sich unzählige Pokale angesammelt
181111 Interview Stefan Herrmann-7
181111 Interview Stefan Herrmann-7
Bevor ich auf zwei Rädern unterwegs war, bin ich intensiv auf dem Wasser unterwegs gewesen
Bevor ich auf zwei Rädern unterwegs war, bin ich intensiv auf dem Wasser unterwegs gewesen

Seit 30 Jahren ist Stefan Herrmann auf dem Mountainbike erfolgreich – erst als Rennfahrer und Downhill Weltmeister (1996, Masters), dann als Testfahrer und Fahrtechnikexperte für verschiedene Magazine. Heute blickt Stefan auf über 20 Jahre Erfahrung mit seiner Fahrtechnikschule “MTB-Academy” zurück und hat in diesem Zusammenhang schon über 10.000 Bikerinnen und Bikern zu Spaß auf dem Trail verholfen. Wir haben uns mit Stefan getroffen und gemeinsam mit ihm in Erinnerungen an die Frühzeit des Mountainbikens geschwelgt sowie persönliche Höhenflüge und Tiefschläge reflektiert. Viel Spaß mit dem ersten von zwei Teilen des Interviews mit Stefan Herrmann.

MTB-News.de: 30 Jahre als Profi im Sattel. Stefan, darf man sagen, dass Du der älteste DH-Racer Deutschlands bist?

Stefan Herrmann: Haha, nein. Ich bin vielleicht der, der am längsten dabei ist. Aber ich bin gerade erst Vater geworden, so alt kann ich gar nicht sein. (lacht) Spaß bei Seite: Es gibt bestimmt noch ältere Racer in Deutschland!

Gratuliere! Alter hin oder her … ein schöner Spiegel Deiner drei Jahrzehnte in der Rennszene ist Deine Bike-Sammlung. Welches sind Deine liebsten Bikes?

Leider habe ich nicht mehr alle Räder von damals, denn zu Anfang hatte ich viel zu wenig Kohle, um nach einer erfolgreichen Saison das Rad dann auch zu behalten.

Schwer zu sagen … (Stefan schaut grübelnd zwischen den an der Wand hängenden Bikes hin und her, Anm. d. Red.) das Spannende ist für mich, wie die Bikes die Entwicklung über die Jahrzehnte reflektieren. Ich habe mit Cantilever-Bremsen und Starrbikes angefangen, als XC- und Downhill-Rennen mit ein und demselben Bike gewonnen wurden. Dann kamen Federgabeln, irgendwann Vollfederung und Scheibenbremsen. Und dann wurden die Dinger irgendwann gut! Leider habe ich nicht mehr alle Räder von damals, denn zu Anfang hatte ich viel zu wenig Kohle, um nach einer erfolgreichen Saison das Rad dann auch zu behalten. Aber einige schöne Geräte habe ich da noch am Start … das ist schon fast einen eigenen kleinen Artikel wert, sonst kann vor lauter Bildern keiner mehr das Interview hier lesen.

Zum Interview trafen wir Stefan Herrmann in München und konnten uns seine Bike-Sammlung angucken!
# Zum Interview trafen wir Stefan Herrmann in München und konnten uns seine Bike-Sammlung angucken!
Diashow: Stefan Herrmann im Interview – Teil 1 - “Ich bin sprichwörtlich mit 0 € nach München”
Es ist zwar nicht klar, ob er der älteste Racer Deutschlands ist
An jedem Bike hängen einmalige Erinnerungen an Erfolge und auch Misserfolge.
Bevor ich auf zwei Rädern unterwegs war, bin ich intensiv auf dem Wasser unterwegs gewesen
… es sollte viel mehr (öffentliche) Strecken in Deutschland geben!
8 Jahre alt, auf dem Weg zum Zelten
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Beeindruckende Bike-Sammlung
# Beeindruckende Bike-Sammlung - obwohl Stefan nicht mehr alle seine alten Räder besitzt, hat sich ordentlich was angesammelt!

Ein Mann, ein Wort – die Idee greifen wir gerne in einem zweiten Artikel auf. Wie hat das alles angefangen mit dem Mountainbiken?

Rückblickend betrachtet natürlich als Kind. Sport wirkte schon immer vitalisierend auf mich, glaube ich. Ich bin jedenfalls schon immer mit irgendwelchen Rädern im Dreck gewesen. Mein Bruder, 8 Jahre älter, war ein Held für mich. Der ist Enduro-Rennen (klassischer Enduro-Begriff – Zweirad mit Verbrennungsmotor, Anm. d. Red.) gefahren und das wollte ich auch. Also bin ich mit gut zehn Jahren – das muss so 1974 oder 75 gewesen sein – auf die Altenburg (bei Bamberg, Anm. d. Red.) gestrampelt. Ein Berg mit schlanken 100 Höhenmetern. Da gab es einige Wellen, durch die man fahren konnte. Ich wäre so gerne mit dem BMX dort gefahren. Im Winter sind wir da zu viert oder fünft mit den Skiern gefahren und haben das im Sommer mit den Fahrrädern nachgeahmt. Aus heutiger Sicht ein Massenstart mit Freeride-Rennen. Wir haben einfach Start, Strecke und Ziel definiert – dazwischen war alles möglich. Das war geil. Auf einem Klapprad!

Bis 1987 bin ich Motocross gefahren. Ich hatte weder Glück, noch hatte ich viel Talent.

Mit 16 bin ich dann auf das Motorrad gewechselt, wie mein Bruder vor mir. 50 ccm – meine Eltern waren strikt dagegen. Also habe ich mir heimlich ein Moped gekauft, das nicht funktionierte. Wie die Story weiter geht, ist allen Eltern klar: Das blieb nicht unbemerkt und ich musste den Kübel zurückgeben. Aber Kinder und Jugendliche wissen: Sowas hält einen nicht auf. Also eine Fantic gekauft und mit einem Sachs-Motor aufgerüstet. Mit 17 dann das erste Motocross für damals 1.600 Mark. Dafür habe ich Teile meiner Musikanlage verkaufen müssen. Mit der Maschine bin ich dann auf der Straße und im Wald gefahren. Mit 18 kam das Auto und ich war endlich richtig mobil. Also hieß es Vollgas Motocross. Rennen, Lehrgänge, Ausrüstung. Durch und durch. Biken stand da nicht auf der Agenda.

Allerdings … (schmunzelt und lehnt sich weit zurück, Anm. d. Red.) ich hatte weder Glück, noch hatte ich viel Talent. Also häuften sich die Bodenkontakte, während Erfolge ausblieben. Letzten Endes haben das weder mein Konto noch meine Freundin mitgemacht. Im Nachhinein kann ich das nachvollziehen. Das war wie eine Droge. Irgendwann habe ich einen kalten Entzug gemacht. Das war 1987: Alles verkauft, keine Magazine mehr, den Freundeskreis verändert.

1985: Pause zwischen Moto-Cross-Runs im 2 CV Kastenwagen.
# 1985: Pause zwischen Moto-Cross-Runs im 2 CV Kastenwagen.

Das ist ein krasser Einschnitt. Trotzdem bist Du wieder auf zwei Rädern gelandet und kannst heute vom Mountainbiken leben. Wie ist es dazu gekommen?

Hast Du etwas Zeit?

Das kommt ganz darauf an, was Du zu erzählen hast. Schieß los.

Dann hole ich mal etwas aus. Scheiße, man merkt jetzt vielleicht doch noch, dass 30 Jahre eine lange Zeit sind. Aber so fühle ich mich nicht. Ich habe vorhin gesagt, dass das mit dem Sport und dem Mountainbiken alles als Kind angefangen hat. Was man aber auch sagen muss: Meine Familie ist an sich total unsportlich gewesen. Also zumindest meine Eltern – meine vier Geschwister machen schon Sport, aber so gut wie nie im Wettbewerb. Das ist der Unterschied, da bin ich schon früh aus der Rolle gefallen. Ich weiß heute, dass ich ein Talent habe, Bewegungen zu verstehen, nachzuahmen und zu verinnerlichen. Ich kann mich in der Ausführung sehr gut konzentrieren und habe gelernt, Mut und Psyche zu entwickeln, um das auch in schwierigen Situationen zu können.

8 Jahre alt, auf dem Weg zum Zelten
# 8 Jahre alt, auf dem Weg zum Zelten - auf dem Bonanza Rad!

Trotz ihrer Unsportlichkeit haben mich meine Eltern unterstützt, wenn auch nicht beim Motocross. (lacht) Ich war früh Schwimmen und Turnen. Mein Vater war Polizist, einer der Kollegen war Trainer im Kanuverein und da bin ich hängen geblieben. Das war super, die Trainer und anderen Sportler hatten ein gutes Klima. Da habe ich viel gelernt und konnte ohne Druck und mit viel Spaß in den Wettbewerb einsteigen. Ich musste mich in der Gemeinschaft zurechtfinden und im Wettbewerb lernen, mich durchzubeißen. Dazu das regelmäßige Training. Das sind Sachen, die einem einfach guttun. Da lernt man unter Anderem Disziplin und Achtsamkeit. Das ist heute eines der wesentlichen Probleme unserer Gesellschaft: Alles ist sehr schnelllebig und die Leute sind zu unreflektiert am Konsumieren.

Kanu habe ich dann tatsächlich lange gemacht und habe dann in der ersten Welle das Skateboard-Fahren für mich entdeckt. Immer auch mit Wettbewerben. Ich muss da etwa 15 gewesen sein und im Umkreis von 100 km gab es vielleicht eine Halfpipe. Also mussten wir nach Würzburg trampen, haben in der Jugendherberge gepennt und sind dann den ganzen Tag gefahren. Leider gab es viele Verletzungen und ewig konnte ich das ja auch nicht machen.

Das heißt?

Als Jugendlicher hatte ich jedoch einfach keinen Plan und wusste auch nicht, was mir so Spaß machen würde.

Ich war 15 – das heißt irgendwann klopft der Ernst des Lebens an die Tür. Und die Eltern machen bei aller Unterstützung natürlich irgendwann auf. Nur, was sollte ich machen? Ich hatte echt keine Ahnung. Mein Vater schlug vor, dass ich doch eine Lehre als Elektriker machen könnte. Das war leider nix, ich hatte von Beginn an einen schlechten Ruf, den ich die restlichen 3,5 Jahre auch nicht mehr loswurde. Es fing schon ungeschickt an: Von einem Crash mit dem Skateboard war ich gleich die ersten drei Wochen krank – Schlüsselbein und Unterarmbruch. Heute sehe ich es so: Meine Lehrzeit hat viele Parallelen mit der Zeit von Werner. Die Guten wie die Schlechten. Als Lehrling war ich gefühlt nichts wert und habe mich mit den anderen Gesellen geschlagen. Das waren Zeiten, die heute zum Glück kaum noch vorzustellen sind. Heute suchen die Betriebe und bekommen keine Auszubildenden …

Es ist zwar nicht klar, ob er der älteste Racer Deutschlands ist
# Es ist zwar nicht klar, ob er der älteste Racer Deutschlands ist - aber Stefan Herrmann ist wirklich schon eine ganze Weile dabei!
An jedem Bike hängen einmalige Erinnerungen an Erfolge und auch Misserfolge.
# An jedem Bike hängen einmalige Erinnerungen an Erfolge und auch Misserfolge.

In der Folge war ich dann erstmal ein Jahr arbeitslos. Das war schlimm, gerade als junger Mann. Da war ich echt auf Abwegen … an sich komme ich aus einem gutbürgerlichen Umfeld, bei dem der Lebenslauf in den Grundzügen geradlinig vorgegeben ist. Die Leute arbeiten alle auf die eigene Pension hin, um dann die großen Freiheiten des Lebens zu haben. Ich habe mich immer gefragt: warum? Warum erst mit 60 das machen, was vermeintlich Spaß macht?

Als Jugendlicher hatte ich jedoch einfach keinen Plan und wusste auch nicht, was mir so Spaß machen würde. Oder eher gesagt nicht, wie ich mit dem, was mir Spaß macht, am Ende des Tages meine Brötchen oder eine Wohnung bezahlen könnte. (lacht zynisch) Mir war nur klar, dass das so nicht weitergehen konnte. Also bin ich zum Militär, weniger aus Überzeugung als aus Mangel an Alternativen. Solche Deppen! Ein System, das blind nach Befehl und Gehorsam funktioniert, ist Schwachsinn. Da gab es ebenfalls viele negative Erlebnisse. (schüttelt den Kopf) Strafbereitschaftsdienste, Aufräumen nach Offiziersfesten – das waren sie also, die Vorgesetzten, die Respektspersonen … jämmerlich! So pauschal und etwas populistisch ist das schnell gesagt, aber ich habe das tatsächlich erlebt. Da beginnst Du, am Menschen zu zweifeln.

Fällt Dir rückblickend ein griffiges Beispiel ein?

Ja, sicher. Einmal waren wir beim Schießen, es war Winter. Jeder Soldat hat eine eindeutig ihm zugeordnete Essensmarke. Ich hatte meine verloren und ein Offizier hatte sie gefunden. Anstatt sie mir einfach mit einer kleinen Standpauke zurückzugeben, musste ich zur Strafe schon am Sonntagmorgen von 11 bis 14 Uhr das Außenquartier reinigen. Ich hätte es angeblich verschmutzt. Was er damit meinte, war meine Marke, die ich verloren hatte. Diese Großmäuligkeit ging mir auf den Senkel. Nach den 15 Monaten im Wehrdienst bin ich dann aus dem Laden wieder ausgeschieden. Das Militär, wie wir es heute haben, ist sehr in Frage zu stellen. Zumindest meistens – es gibt natürlich wie immer auch positive Erlebnisse: Vor fünf Jahren war ich mit dem Motorrad in Marokko, an der Grenze zu Algerien. Da gab es viele Militärposten, die dazu dienen, die Touristen zu schützen. Die führen ein schwer mittelmäßiges Leben – eine perfekte Voraussetzung für Willkür und Konflikte. Die haben Waffen und kennen sich vor Ort aus. Wir sind wider Erwarten zu 100 % korrekt behandelt worden, was mich wirklich überrascht hat.

Wir stecken immer noch tief in Deiner Jugend. Wie ging der Weg zum Mountainbike-Profi nach dem Wehrdienst weiter?

Naja – ich war erstmal wieder arbeitslos, die Arbeitslosigkeit war damals hoch. Und ich hatte immer noch keinen Plan. Ich habe dann 2,5 Monate als Elektroinstallateur gearbeitet und wieder gekündigt. Danach fing eine rastlose Zeit an: Ich habe sieben Jahre in diversen Firmen gearbeitet, aber mir ging es nie wirklich gut. Interessanterweise war eine der größten Lernhilfen in dieser Zeitspanne der Schmerz. Leider psychischer Schmerz. Ich hatte teilweise tatsächlich mit meinem Dasein abgeschlossen. Mir fehlten Reize von außen. Wieder heute unvorstellbar in Zeiten von Facebook, Instagram und Co. Wir sind heute jederzeit mit Reizen überflutet, wenn wir nur zu den allgegenwärtigen Geräten greifen.

Aber da war auch eine Konstante: Ich hatte schon mein ganzes Leben lang Sport gemacht und konnte das tatsächlich auch recht gut vermitteln. Das ist mir über die Zeit klar geworden und ich fing an, mich zu orientieren. Ich hatte eine 3+ in meinem Hauptschulabschluss. Das begrenzte etwas die Möglichkeiten, weshalb ich erstmal einen Übungsleiter in Ski und Kanu gemacht habe. Dabei habe ich jemanden kennengelernt, der in München an der ZHS (Zentraler Hochschulsport, Anm. d. Red.) „Sportlehrer im freien Beruf“ studierte. Also ein Fachlehrer ohne die Anforderung für ein Abi – am Ende des Irrens dann doch noch eine echte Perspektive für mich?

Also bist Du nach München umgezogen und hast angefangen zu studieren?

So sieht es aus – ich habe ich mich an der ZHS eingeschrieben. Mir blieb ein halbes Jahr zur Vorbereitung für den Eignungstest. Da bin ich mir vorgekommen wie Rocky: Ich habe Leichtathletik gemacht. Alleine Sprints auf der Tartanbahn geübt, oft alleine in der Turnhalle trainiert. Dann kam der große Tag: Ich fuhr von Bamberg nach München. Die ZHS ist ja ein riesiges Ding mit zig Turnhallen. Wirklich unübersichtlich.

Die Anfänge: Gefedert war hier gar nichts!
# Die Anfänge: Gefedert war hier gar nichts!
1993: Der erste Sponsor ist an Bord: Marin.
# 1993: Der erste Sponsor ist an Bord: Marin.
1993: Tabletop, Whip, voll aufgedrehter Style-Hahn auf dem XC-Bike.
# 1993: Tabletop, Whip, voll aufgedrehter Style-Hahn auf dem XC-Bike. - Bombenkrater München

Du hast Dich verlaufen?

Nicht ganz. Oder nicht nur. Ich schlief bei einer Bekannten, parkte das Auto auf der Straße und fand es am nächsten Tag nicht wieder. Die Stadt war einfach so groß, genauso wie die ZHS. Die Konsequenz war bitter: Ich kam zu spät, fand den Verantwortlichen und der sagte: „Du bist zu spät. Nächstes Jahr wieder.“ Da war ich vollkommen neben mir und habe ihn bekniet wie sonst was. Und ich hatte Glück! Ich habe tatsächlich doch noch teilnehmen dürfen und bestanden. Das war 1989. Das war der Punkt der Kehrtwende für mich. Mir war klar: Herrmann, du kannst das. Beweg was, pack es an.

Ich habe wirklich alles gemacht. Ich war Weihnachtsmann, habe als Grillservice und Nachtportier gearbeitet.

Wie hast Du Dir München leisten können? In der Hinsicht ist es bis heute nicht besser geworden, da spreche ich aus eigener Erfahrung.

Da gab es in der Tat noch kleinere Hindernisse, insbesondere finanzieller Natur. Als Handwerker hatte ich ja ein festes Einkommen und konnte mir eine eigene Wohnung leisten. Das war dann im Studium anders, ich bin sprichwörtlich mit 0 € nach München. Und die Stadt war schon damals nicht ohne. Ich habe im Wintersemester angefangen und hatte keine Wohnung. Also habe ich in meinem Bus gewohnt. Nach einiger Zeit bin ich ins Olympiadorf, da haben wir uns ein Zimmer zu dritt geteilt. Ich habe eine Woche bei einem Verwandten gewohnt, der jedoch Alkoholiker war. Das ging gar nicht, also bin ich zu einem anderen Verwandten gezogen. Alles chaotisch, aber insgesamt ging es mir gut. Es war für mich irre aufregend, zu merken, dass es so viel Möglichkeiten für einen gab. Die Erkenntnis, das selbst bewegen zu können, war der Hammer.

Ich habe mich parallel beim Studentenwerk um ein Zimmer bemüht. Jeden Tag saß ich da und habe gewartet, ob sich irgendwo eine Möglichkeit ergibt. Irgendwann ist das einem der Mitarbeiter aufgefallen und ich durfte ein Jahr ein Zimmer in einem Haus beziehen, das dann abgerissen werden sollte. Da habe ich gedacht: Es muss sowas wie eine globale Kompensation geben. Nach dem ganzen Elend und Unsinn eine glückliche Wendung. Ich hatte mich nicht hängen lassen und es hat sich ausgezahlt!

Irgendwann musste die Geschichte ja auch eine positive Wendung nehmen! Wie bist Du dann nach dem Sportlehrerstudium zum Mountainbike-Trainer und Rennfahrer geworden?

Das lief eher parallel. 1988 kaufte ich mir das erste Mountainbike, ein GT Tequesta für 1.000 DM. Das habe ich in zehn Monatsraten abgestottert, weil der Bike-Händler an mein Talent geglaubt hat. Unterwegs war ich damals mit einem VW T3, in dem ich eben auch wohnte. In Eifa (Sauerland, nähe Willingen, Anm. d. Red.) war Saisoneröffnung. Nur konnte ich mir leider den Sprit für den Bus nicht leisten. Also habe ich von einer Freundin einen sparsameren Corsa geliehen und neben dem Auto auf dem Parkplatz geschlafen. Das war günstiger. Eigentlich wollte ich nach dem Studium Skilehrer werden und in Sölden war eine Skilehrer-Sichtung. Wieder war das Geld für den Sprit zu knapp. Also wieder ein kleines Auto geliehen, einen Renault R4. Also wieder neben dem Auto geschlafen – im November.

Das beantwortet jetzt nur teilweise unsere Frage …

Ja schon, aber da erinnere ich mich echt an die wildesten Storys! Das liebe Geld war einfach das dominierende Thema der frühen Jahre.

DH-Rennen im Bayrischen Wald, der Kerl gegenüber mit den langen blonden Haaren ist Holger Meyer
# DH-Rennen im Bayrischen Wald, der Kerl gegenüber mit den langen blonden Haaren ist Holger Meyer - im Gespräch mit Holger ist Peter. Er hatte eine der ersten Elastomer-Gabeln. Beim Rennen in Cup d'Ail ist die am Start einmal eingetaucht und erst im Ziel wieder rausgekommen. Es war recht steil dort.
In der Badewanne mit Mario Thoma, Adrian Vesenbeckh, Florian Dietrich und Michael Gölles
# In der Badewanne mit Mario Thoma, Adrian Vesenbeckh, Florian Dietrich und Michael Gölles - das Ice Cube Race in Cortina d'Ampezzo. Bei diesem Einladungsrennen, hatte Stefan richtig oft Angst.

Dann erzähl mal … wir haben jetzt schon so viel spannende und persönliche Einblicke bekommen.

Da wäre die Uni. Für den Spind musste man damals wie heute eine DM hinterlegen. Also habe ich immer am Abend in jeden Schrank geschaut, ob irgendjemand seine Mark vergessen hatte. Und manchmal waren Fußballturniere in München. Die jungen, verwöhnten Burschen haben sich aus ihren Beuteln immer die Rosinen rausgepickt und den Rest dann einfach hängen lassen. Das haben wir genutzt – den Rest habe ich mit meinen Freunden eingesammelt und dann eine ganze Woche davon gegessen. Ich musste damals wirklich alles machen. Ich war Weihnachtsmann, habe als Grillservice und Nachtportier gearbeitet. Ich habe mich als Umzugshelfer angeboten und Autos überführt. Ich stand in der Fabrik am Fließband, habe Gartenarbeit gemacht und im Lager sowie auf dem Bau gearbeitet.

Aber bis dahin warst Du nie Mountainbike-Coach. Wie kam am Ende die Orientierung, die Dich bis heute glücklich macht?

Eigentlich wollte ich mit dem Studium wie gesagt Skilehrer werden. Ich habe es bis zur staatlichen Prüfung geschafft, bin dann aber leider durchgefallen. Also habe ich bei Imst eine Outdoor-Station im Auftrag geleitet und 1989/1990 die ersten Mountainbike-Touren durchgeführt. Den festen Wohnsitz, den man in Österreich gebraucht hätte, habe ich leider nicht gehabt. Also habe ich die Wohnung einer Freundin angegeben und in meinem Bus gelebt. Seit 1995 lebe ich vom Mountainbiken mit festem Einkommen und ohne die ganzen anderen Einkommensquellen und Tätigkeiten. Das war die zweite entscheidende Wende in meinem Leben.

1993: Super Cup (Vorläufer des World Cup) in Lillehammer - da hat es mich geschmissen, ich sah aus wie Huevo Revolto oder Revuelva und ich konnte nicht mehr klar sehen
# 1993: Super Cup (Vorläufer des World Cup) in Lillehammer - da hat es mich geschmissen, ich sah aus wie Huevo Revolto oder Revuelva und ich konnte nicht mehr klar sehen - das linke Auge sah nach rechts und das rechte nach links, ein komisches Gefühl. Zum Glück war das noch im Training. Am nächsten tag war ich wieder am Start zur Quali.
1996: Masters Weltmeister in Cairns, Australien.
# 1996: Masters Weltmeister in Cairns, Australien.
1997: Platz 2 (Ü30) bei der BMX WM im französischen Vallet.
# 1997: Platz 2 (Ü30) bei der BMX WM im französischen Vallet.

Du hast Deine Geschicke erfolgreich selbst in die Hand genommen. Was bedeutet es für Dich, vom Mountainbiken leben zu können?

Die Basis und was jeder lernen kann, sind die folgenden drei: Grundposition, Balance und dosiertes Bremsen.

Mein größter Motor waren meine Vergangenheit und die Erkenntnis, dass ich mein Leben selbst gestalten kann, wenn ich es will. Zumindest zu so 90 %. Für einen solchen Umstieg, also vom gesicherten Einkommen als Handwerker, zum Racer mit maximalem Risiko – sowohl gesundheitlich, als auch wirtschaftlich – braucht es natürlich entsprechende Nehmerqualitäten, Durchhaltevermögen, Disziplin und Kontinuität. Das erkenne ich im Rückblick deutlich. Und es ist wichtig, jedes Mal aufzustehen, wenn man über einen Stein stolpert, die Rückschläge für neue Motivation zu nutzen. Das Kernproblem: Dein Marktwert hat immer nur eine Saison Bestand, jedes Jahr rund um die Eurobike geht es erneut los und Du musst Dich verkaufen.

Mit meiner Vorgeschichte und dank der großartigen Menschen und Erlebnisse, die ich kennenlernen durfte, bin ich im Gesamten sehr dankbar, dass ich Teil der MTB-Szene bin. Ich bin dankbar für alles, das ich bislang erleben durfte. Mit der MTB-Academy [Link, Anm. d. Red.] habe ich eine tolle Firma geschaffen und mit Canyon und meinen anderen Sponsoren habe ich tolle Partner, die mich dabei unterstützen! Klar ist die Administration anstrengend und umfangreich, doch dann irgendwann im Wald zu stehen und den Leuten zu erklären, wie Biken funktioniert, macht mit dem richtigen Werkzeug (Erfahrung und Leidenschaft) viel Freude. Vor Allem dann, wenn Erfolgserlebnisse zu sehen sind!

Nicht vielen Profi-Mountainbikern gelingt es trotz aller Nehmerqualitäten, Disziplin und Kontinuität, so lange so erfolgreich zu sein. Die Industrie und Veranstaltungsformate schreien nach jungen, unerschrockenen Persönlichkeiten.

Neben den beschriebenen Qualitäten ist da auf jeden Fall auch eine Portion Glück dabei. Vielleicht als Ausgleich für das Pech, das ich zu Beginn meines Arbeitslebens hatte. Mein erstes gesponsertes Bike war ein Marin, das war 1992. Von Jahr zu Jahr steigerte sich das, weil meine Ergebnisse besser und ich vor allem konstanter wurde. Seit 1995 kann ich vom Biken leben, das habe ich mir hart erarbeitet. Dennoch kamen immer wieder auch besondere Umstände dazu, die ich nicht direkt herbeiführen konnte.

Bogner als Mountainbike-Sponsor? Ja!
# Bogner als Mountainbike-Sponsor? Ja!

Zum Beispiel?

1992 wurde ich Zweiter beim German Downhill in Hohenwart. Da kam ein Redakteur von bei der Bike auf mich zu und fragte mich, ob ich Interesse hätte, für das Magazin zu testen. Das war natürlich perfekt. Schon damals war es nämlich nicht gut, sich nur durch Ergebnisse zu positionieren. Da ich von Jahr zu Jahr besser und bekannter wurde, steigerte sich auch mein Marktwert. Der Umgang war gut, aber auch ich hatte sehr enttäuschende Erlebnisse und Rückschläge. Einige Jahre später hatte ich einen fest geglaubten Hauptsponsor und ging mit einem Magazin zum Fahrtechnik-Shooting für das Folgejahr, um dann nach der Produktion die Kündigung zu bekommen. Die Bilder wurden natürlich veröffentlicht, nur ich hatte nichts davon denn die Saison stand vor der Tür und ich ohne Rad da.

Oder einmal wurde mir mit Beginn der neuen Saison mitgeteilt, dass man jemand besseren gefunden hat und ich was Neues finden müsse. Das schockt natürlich! Ich war heiß, steckte voll im Training, dachte, alles sei gut – dann musste ich plötzlich bei null beginnen. Genau dann heißt es stark bleiben. Aber es gibt auch viele positive Erfahrungen mit Sponsoren. Mit meinen jetzigen Partnern läuft alles wunderbar. Bei Canyon bin ich jetzt schon zwölf Jahre und bin sehr froh, für einen so professionellen und engagierten Hersteller Markenbotschafter zu sein. Auch alle meine anderen Partnerschaften haben schon lange Bestand. Bei Magura bin ich schon 25 Jahre. In diesen schnelllebigen Zeiten fast ein wenig unvorstellbar aber das macht Sinn und Spaß! Trotzdem gibt’s immer auch Veränderung – so ist in diesem Jahr DVO neu im Boot. Ich freu mich schon, wenn es wieder richtig losgeht!

Pumptrack-Fahren ist ein ideales Training für den ganzen Körper.
# Pumptrack-Fahren ist ein ideales Training für den ganzen Körper.
Ein Pumptrack im eigenen Garten …
# Ein Pumptrack im eigenen Garten …
… es sollte viel mehr (öffentliche) Strecken in Deutschland geben!
# … es sollte viel mehr (öffentliche) Strecken in Deutschland geben!
181111 Interview Stefan Herrmann-2
# 181111 Interview Stefan Herrmann-2
181111 Interview Stefan Herrmann-1
# 181111 Interview Stefan Herrmann-1
Neben den Rennen und Sponsoren-Veranstaltungen ist die MTB-Academy etwas, auf das Stefan Herrmann wirklich stolz ist!
# Neben den Rennen und Sponsoren-Veranstaltungen ist die MTB-Academy etwas, auf das Stefan Herrmann wirklich stolz ist!

Heute bist Du eine der Referenzen in Deutschland, wenn es um Fahrtechnik geht. Deine Fahrtechnikschule „MTB-Academy“ blickt auf über 20 Jahre Geschichte zurück. Wenn Du all Deine Erfahrung zusammenfasst: Welche drei Tipps bringen jeden Biker nach vorne?

Hmm … gegründet habe ich die MTB-Academy im Jahr 1997 und habe viele Leute fahren sehen. Die Basis und was jeder lernen kann, sind die folgenden drei: Grundposition, Balance und dosiertes Bremsen. Wenn diese Grundfertigkeiten gegeben sind, lässt sich nahezu jedes Gelände bewältigen. Das macht den Unterschied – und zwar nicht nur bei Amateuren. Ich habe das Nationalteam und den Olympiakader trainiert. Wenn auch auf einem anderen Level, kämpfen wir am Ende des Tages alle mit der Physik.

In Deinen Kursen gibt es auch viele Teilnehmerinnen. Was unterscheidet Männer und Frauen auf dem Bike?

Überforderung ist immer schlecht, denn man lernt am besten in der Komfortzone. Alles andere ist krass gesagt nur noch Überleben, nicht Lernen. Das zu verstehen, ist bei Frauen besonders wichtig. Vor allem, weil sich negative Erlebnisse tiefer in einem verwurzeln, als positive. Frauen vermeiden das effektiver als Männer, wenn ich das mal so pauschalisieren darf. Die Frauen wollen alles genauer erklärt haben, was hilft, sich ein Bewegungsbild zu machen – das ist wichtig für die Ausführung. Frauen wollen deshalb auch immer wieder mal etwas mehr motiviert werden. Im Gegensatz muss man Männer eher mal einbremsen. Oft fahren die Frauen in der Folge technisch sauberer und gekonnter, wenn auch auf einem weniger risikobereiten Level. Der Schlüssel ist aber in jedem Fall, Überforderung zu vermeiden.

Was sind typische Fehler, die Du im Zuge Deiner Fahrtechnikkurse auszumerzen hilfst?

Nach über 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern habe ich da ein gutes Bild gewonnen. (Schüttelt mit leichtem Schmunzeln den Kopf, Anm. d. Red.) Ganz typische Fehler sind: zu gebeugte Beine, zu gestreckte Arme, Lenker zu fest im Griff und es ist oft insgesamt zu viel Kraft im Spiel. Ich sag dann immer: „Biken ist kein Krieg, sondern ein Tanz durch den Wald.“ Das fasst es gut zusammen. Aber da gibt es noch viel mehr: Eindimensional denken und zu viel wollen, vor allem in Gruppen. Und andere sind einfach zu schnell, das heißt, mit der Bewegung hinterher. Einfach gesagt, sollte man nicht schneller fahren, als man auch handeln kann! Gut ist, sich Zeit zu lassen und auch schlechte Tage zu erkennen. An diesen sollte man tunlichst risikoreiche Manöver unterlassen.

Rennen sind ein wichtiger Teil von Stefan Herrmanns Leben gewesen
# Rennen sind ein wichtiger Teil von Stefan Herrmanns Leben gewesen - und sind es noch heute!
Große Sponsoren, die früher fester Bestandteil des Mountainbike-Sports waren
# Große Sponsoren, die früher fester Bestandteil des Mountainbike-Sports waren - heute hat sich die Sponsoring-Szene geändert und es können nur wenige Fahrerinnen und Fahrer wirklich von ihrem Sport leben.

Nehmen wir an, man hat einen guten Tag: Wo und wie lernt man am besten Biken?

Auf dem Parkplatz! Mein Verständnis: Was schon auf dem Parkplatz nicht klappt, wird auf dem Trail nur noch schwieriger. Es ist wichtig, sich beim Üben immer nur auf eine Übung zu konzentrieren und auf das Positive zu achten. Ablenkung stört. So viele Techniken lassen sich vollkommen stressfrei auf dem Parkplatz erlernen. Zum Beispiel Grundposition, Balance, Bremsen, Wheelie, Bunny-Hop, Hinterrad umsetzen, Manual und so weiter. Da braucht es keine epischen Flow-Trail-Schlangen.

Sich gegenseitig filmen hilft auch. Ideal als Ergänzung dazu sind dann auf das Wesentliche fokussierte, knappe und verständliche Korrekturen von einem Profi. Am besten alles in Kombination. Spaß muss es auch machen, deshalb sollte Training und Üben immer abwechslungsreich sein. Dennoch müssen Zufälle vermieden werden. Das heißt: Bewegungsbild geht immer vor Bewegungsausführung. So ist gewährleistet, dass man versteht, was man tut. Darauf kann man aufbauen.

Was kommt im Technikaufbau nach dem Parkplatz?

Das adäquate Anwenden im Gelände. Also weiter üben! Gemeinhin wird die Wichtigkeit der Wiederholung unterschätzt. Danny MacAskill hat mal ein Making-Off-Video veröffentlicht und dazu geschrieben, dass er für die Heuballenszene wohl bis zu 300 Wiederholungen brauchte (Link, Anm. d. Red.). Das ist je nach Talent normal – und Danny hat wahnsinnig viel Talent. Das Tolle ist, dass sich durch die Wiederholung Abläufe automatisieren und ökonomisieren. Mit gut verinnerlichten Automatismen ist Müdigkeit ein deutlich geringeres Sturzrisiko, ebenso macht der Alterungsprozess mit Automatismen mehr Spaß. Glaub mir: Ich weiß, wovon ich rede!

Ein anderes Beispiel: Stell Dir mal vor, der Basketballer kann seinen Ball nicht blind dribbeln und führen. Er müsste in der Konsequenz immer auf den Ball schauen. Das geht natürlich nicht, denn er braucht ja den Blick, um zu sehen, wo der Korb oder der Mitspieler sind. Auf dem Bike ist das identisch: Ich brauche den Blick, um den Trail zu lesen und die für mich beste Linie zu finden. Hierfür benötige ich die Prozessorleistung, nicht für einzelne Techniken. Also müssen die vollautomatisch – unterbewusst – laufen!

Was gibst Du jungen Mountainbikern mit auf den Weg, die anfangen wollen, Rennen zu fahren?

Für Profis gelten dieselben Punkte wie oben genannt: Spaß und Fleiß beim Training zu kombinieren. Nur, dass hier mehr auf dem Spiel steht, aber das ist reine Kopfsache. Außerdem trotz aller Bedeutung nicht zu sehr aufs Material achten. Ein gutes Arbeitsgerät ist klar erforderlich, aber das Rennen wird im Kopf gewonnen. Also immer den Trackwalk nutzen, um sich die Strecke intensiv einzuprägen. Wenn man dann im Renntempo durch den Wald fliegt, gibt es keine Zeit und auch keine Kapazität im Gehirn, um sich spontan zu überlegen, welche Linie man wählt.

181111 Interview Stefan Herrmann-13
# 181111 Interview Stefan Herrmann-13

Vielen Dank Dir für die ehrlichen Einblicke und offenen Tipps, Stefan. Was steht für 2019 auf Deiner Agenda?

Sehr gerne! Nun … Du hast mich eingangs Racer genannt – ehrlich gesagt stand ich nur bis 2013 regelmäßig in der Master Class auf dem Podium. Auch wenn ich immer noch bei Rennen an den Start gehe, liegt mein Fokus ganz klar auf meiner Arbeit mit der MTB-Academy sowie im Testen und Fahrtechnik-Erklären für die Magazine. So stehen für 2019 wieder einige spannenden Beiträge, Trips und Videos an. Ich bleibe am Ball und habe Spaß dabei! Übrigens … wer jetzt noch nicht genug hat, sollte sich die folgenden drei Videos aus den verschiedenen Jahren anschauen. Das gibt einen guten Eindruck davon, wo ich und der Mountainbike-Sport herkommen!


Stefan Herrmann – zur Person

Stefan Herrmann, geboren am 13.02.1964. Mountainbike-Profi seit 1993. Heute Inhaber von und Fahrtechnik-Trainer bei MTB-Academy. Sponsoren: Canyon, Vaude, Ergon, Topeak, Newmen, DVO, Magura, Maxxis, PowerBar.

Stefan Herrmanns Erfolge zum Ausklappen!

  • 3. Platz Enduro-Race Gardasee 2010
  • 1. Platz Enduro-Race Gardasee & Willingen 2009
  • 3. Platz Downhill Masters-WM Praloud 2009
  • 4. Platz Downhill Masters-DM Bad Wildbad 2009
  • 4. Platz Downhill Masters-DM Tabarz 2007
  • 1. Platz Downhill Masters-DM Geiskopf 2003
  • 1. Platz Downhill Masters-DM Bad Wildbad 2002
  • 2. Platz Downhill Masters-Bundesliga Rittershausen 2002
  • 1. Platz Downhill Masters-DM Bad Wildbad 2001
  • 1. Platz Downhill Masters-Nationencup Todtnau 2001
  • 61. Platz Downhill World-Cup Kaprun 2001
  • 2. Platz Downhill Masters-Bundesliga Rittershausen 2001
  • 1. Platz Downhill Masters-Bundesliga Tabarz 2001
  • 1. Platz Downhill Masters-Bundesliga Illmenau 2001
  • 6. Platz IceCubeRace Cortina 2000
  • 7. Platz Downhill DM Tabarz 2000
  • 1. Platz Snow DH Reit im Winkel 1999
  • 5. Platz Downhill Bundesliga Lermoos 1999
  • 3. Platz BMX Europameisterschaft Masters 1999
  • 2. Platz BMX Weltmeisterschaft Masters 1999
  • 2. Platz 24-h-DH Engelberg 1999/2000
  • 4. Platz Downhill Bundesliga Steinbach Hallenberg 1998
  • 3. Platz Downhill DM Todtnau 1998
  • 5. Platz Downhill Bundesliga Elkeringhausen 1998
  • 3. Platz Downhill Bundesliga Gesamtwertung 1998
  • 4. Platz Downhill DM Bühlertal 1997
  • 2. Platz Downhill Bundesliga BL DH Hallenberg Liesen 1996
  • 13. Platz Downhill World Cup Hawaii 1996
  • 1. Platz Downhill WM Cairns (Masters) 1996
  • 22. Platz Downhill World Cup Äre 1995
  • 3. Platz Downhill Bundesliga Tabarz 1995
  • 2. Platz Downhill DM Gammelsbach 1995
  • 19. Platz Downhill WM Kirchzarten 1995
  • 2. Platz Downhill DM Hallenberg-Liesen 1994
  • 2. Platz Bundesliga Viechtach 1994
  • 2. Platz German Downhill Viechtach 1994
  • 2. Platz Downhill DM 1996

Bei Stefan Herrmann fanden wir Helme und Pokale aus über 30 Jahren MTB-Geschichte.
# Bei Stefan Herrmann fanden wir Helme und Pokale aus über 30 Jahren MTB-Geschichte.
Neben den Bikes und Pokalen sind die Helme ein spannender Teil von Stefans Sammlung.
# Neben den Bikes und Pokalen sind die Helme ein spannender Teil von Stefans Sammlung.
Ja, damit ist man damals Downhill gefahren!
# Ja, damit ist man damals Downhill gefahren! - Auch hier lässt sich die technische Entwicklung in beeindruckender Art und Weise nachvollziehen.
In den über 30 Jahren auf dem Bike haben sich unzählige Pokale angesammelt
# In den über 30 Jahren auf dem Bike haben sich unzählige Pokale angesammelt
181111 Interview Stefan Herrmann-7
# 181111 Interview Stefan Herrmann-7
Bevor ich auf zwei Rädern unterwegs war, bin ich intensiv auf dem Wasser unterwegs gewesen
# Bevor ich auf zwei Rädern unterwegs war, bin ich intensiv auf dem Wasser unterwegs gewesen

Vorschau: Der zweite Teil des Interviews

Stefan Herrmann hat in den letzten 30 Jahren nicht nur erfolgreich Rennen bestritten und MTB-Fahrtechnik gelernt und gelehrt, sondern ist in dieser Zeit auch die verschiedenen Evolutionsstufen des Mountainbikes aktiv gefahren. In diesem Zusammenhang greifen wir fünf wegweisende Bikes aus seiner Sammlung historischer und aktueller Race-Bikes im Detail auf.

Was sagst Du zu Stefans Werdegang? Und beherrschst Du eigentlich die drei wichtigsten Fahrtechniken?

  1. benutzerbild

    B2302

    dabei seit 09/2009

    Tolles Interview, sympathischer Typ. Bin selbst seit ca 1995 dabei, allerdings damals auf dem 600,- DM Giant

    Die Vita ist absolut interessant und nachvollziehbar, wie die Vorredner sehe auch ich so manche Parallele und spätestens beim "Fehltritt Bundeswehr" musste ich lachen... Ja, so lernt man die Gesellschaft und Menschheit aus so einigen Blickwinkeln kennen.

    Nun hab ich tatsächlich Bock doch mal einen Kurs bei ihm zu buchen, die Marketing-Ebene funktioniert

    Wie die anderen schon meinten, macht bloss ne Serie draus. Holt Hans Jörg Rey dazu, Deutsche fallen mir ad hoc gar nicht so viele ein, vielleicht noch Mike Kluge (Focus), Jürgen Beneke (man ich war Fan, auch wegen den Manitou Rädern !) gerne auch noch mal Missy Giove, Shaun Palmer und wen es sonst noch so gab/gibt. Danke!
  2. benutzerbild

    Pintie

    dabei seit 12/2004

    B2302 schrieb:
    Missy Giove, Shaun Palmer . Danke!

    Oh ja knast interviews oder ist die schon wieder raus
  3. Anzeige

  4. benutzerbild

    kordesh

    dabei seit 06/2012

    Pintie schrieb:
    Oh ja knast interviews oder ist die schon wieder raus


    Ich glaube Giove ist mit knapp 200kg Gras und na Mille in bar erwischt worden. Das wird wohl auf ein Knastinterview hinauslaufen. Es sei denn dass geht noch als Eigenbedarf durch und das Geld ist ihr verteuertes Einkommen, was sie so mit durch die Gegend trägt
  5. benutzerbild

    guerilla01

    dabei seit 06/2003

    B2302 schrieb:

    Wie die anderen schon meinten, macht bloss ne Serie draus. Holt Hans Jörg Rey dazu, Deutsche fallen mir ad hoc gar nicht so viele ein, vielleicht noch Mike Kluge (Focus), Jürgen Beneke (man ich war Fan, auch wegen den Manitou Rädern !) gerne auch noch mal Missy Giove, Shaun Palmer und wen es sonst noch so gab/gibt. Danke!

    Nicht zu laut sagen sonst kommt der Klausmann noch und fordert eine eigene Serie über den besten deutschen Downhiller aller Zeiten.
  6. benutzerbild

    B2302

    dabei seit 09/2009

    guerilla01 schrieb:
    Nicht zu laut sagen sonst kommt der Klausmann noch und fordert eine eigene Serie über den besten deutschen Downhiller aller Zeiten.


    Gnihihiii... Und zum Knast (wenn wahr, konnte ich nicht evaluieren) - noch besser / interessanter!

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