HomeMagazinMedienReise & Spot-GuidesRoadtrip im Herzen der USA – Teil 3: Fruitas bestes Stück und ein Klassiker in Moab — 27. Juni 2013 0:39

Roadtrip im Herzen der USA – Teil 3: Fruitas bestes Stück und ein Klassiker in Moab

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Als wir um 9 Uhr am Trailhead ankommen, sind nur drei Fahrzeuge auf dem Parkplatz. Die dazugehörigen Biker sind auch tatsächlich an ihren Fahrzeugen, aber nicht etwa um auszupacken, nein, sie haben ihre Runde bereits hinter sich und fahren nun zur Arbeit. Damit haben sie die Temperaturen völlig richtig ausgenutzt, bei noch tiefer stehender Sonne und angenehmen 80° Fahrenheit (etwa 25°C) ihre Spuren im Sand hinterlassen. Wir nehmen uns vor, in Zukunft früher aufzustehen und laden die Räder aus.

Der Trailhead von den Kokopelli Trails
# Der Trailhead von den Kokopelli Trails

Der Trailhead in Kokopelli ist bestens ausgeschildert und liegt direkt neben dem Highway an der Grenze zu Utah. Auch hier gibt es neben der App vor Ort Karten und Wegmarkierungen, guter Service so weit. An der ersten Weggabelung entscheiden wir uns für mehr statt weniger Schwierigkeit und biegen in “Moore Fun Ridge” ein, einen verschnörkelten Trail über den Bergrücken. Schon nach wenigen kniffligen Stellen wird der Charakter des Trails klar: Technischer Uphill – das kann tatsächlich Spaß machen! Der Weg ist mit einem schwarzen Diamanten gekennzeichnet und hat es stellenweise echt in sich, einfach weil die Felsen so eng stehen, dass die Pedale nur schwer ohne unangenehme Schabgeräusche hindurch wollen.

Technisch, aber immer spaßig.
# Technisch, aber immer spaßig.

Wer glaubt, Five.Ten Schuhe und Contis Rubber Queen haben in Deutschland guten Grip, dem empfiehlt sich der Besuch im Herzen Nordamerikas ganz besonders: Die Steine, rauh wie Sandpapier, heizen sich in der prallen Sonne auf über 50° – und zwar Celsius – auf, wodurch Schuhe und Reifen weich wie Kaugummi werden und recht ähnlich beeindruckend kleben. Auch unsere Conti Rubberqueen profitieren von diesem Effekt und machen jede Menge Stoppies, steilste Anstiege und unmöglich scheinende Querungen möglich, bei denen man zwar nicht mehr treten, aber immerhin beruhigt lenken kann.

Daniel macht den Toniolo und zeigt "episch" in die Landschaft
# Daniel macht den Toniolo und zeigt “episch” in die Landschaft

In der Wüste von Colorado ist es, obwohl der Sommer gerade erst beginnt, nur mäßig farbenfroh. Entlang des trüb-braunen Colorado River finden sich moos-grüne Sträucher, etwas weiter entfernt halten sich nur gräuliche Trockenpflanzen und stachlige Kakteen, wären da nicht die roten Steine ein recht monotones, entsättigtes Erlebnis. Neben den rostroten Felsen sorgt aber auch die Tierwelt dafür, dass es nicht ganz langweilig wird: Gerade macht der Trail eine scharfe Haarnadel auf rauhem Gestein, da springt eine Echse über den Weg. Und zwar nicht irgendeine, sondern ein Collared Lizard (“Halsbandleguan) – das Tier hat, warum auch immer, einen gelben Kopf, am Hals einen Verlauf über Grün nach Blau und beäugt uns neugierig. Ein paar Fotos später springt es flink wieder in irgendein Versteck und wir schauen zu, mal vorwärts zu kommen, anstatt nur zu gucken.

Verschlungene Pfade: Ziel ist nicht, irgendwo anzukommen, sondern maximale Freude am Fahren.
# Verschlungene Pfade: Ziel ist nicht, irgendwo anzukommen, sondern maximale Freude am Fahren.

Moore Fun Ridge macht tatsächlich jede Menge Spaß und überrascht immer wieder mit wechselndem Terrain und Passagen, die im Uphill eine Herausforderung darstellen. Daniels bestechend einfache Logik, jede Stelle des Trails müsse fahrbar sein, weil der Trail ja – anders als bei uns – dafür angelegt sei, macht das Scheitern an verblockten Uphill Passagen leider nicht besser, motiviert aber doch irgendwie. Am Höhepunkt des Trails genießen wir den Ausblick über den Colorado River und blicken auf unsere weitere Route: Zunächst schneller im Downhill, dann wollen wir auf Mary’s Loop einbiegen und schließlich auf den Horse Thief Loop, den uns wirklich jeder empfohlen hat. Egal ob Ross Schnell, die Bedienung im Cafe oder die Angestellte im Shop. “You are here for some Mountainbiking? Cool! Have you done Horse Thief?” – Also schleunigst auf hin!

Eines muss man den Trailbauern lassen: Ihre Rundkurse sind absolut abwechslungsreich!
# Eines muss man den Trailbauern lassen: Ihre Rundkurse sind absolut abwechslungsreich!

Ein kurzes, grelles Quietschen der Formula T1, gefolgt von schroffem Schrubben der RubberQueen an Vorder- und Hinterrad: Solch eine Vollbremsung habe ich das letzte mal hingelegt, als ich im Manual auf eine Kreuzung zu rollte, an der sich von rechts ein Pickup näherte. Der Grund diesmal ist wesentlich kleiner, aber nicht weniger angsteinflösend: Zwischen ein paar Wurzeln liegt eine Schlange über den Trail. Das bedeutet, in Anbetracht der schmalen Breite eines Singletracks, zunächst einmal nicht viel, aber das Tier signalisiert mir: Abstand halten! – Was ich prompt auch mache. Ob die Schlange gefährlich ist oder nicht kann ich nicht beurteilen, in jedem Fall sehe ich fortan fast nur noch Wurzelschlangen und Schlangenwurzeln.

Überblick auf die Trails am Colorado River
# Überblick auf die Trails am Colorado River

Davon gibt es auf dem Mary’s Loop so einige, und so bin ich heil froh, als sich das Terrain ändert und wir zu Horse Thief abbiegen. Uns wurde schon gesagt, dass die meisten Biker die Einstiegspassage tragen, und so schauen wir uns den Spaß mal näher an. In einem Video im Bike-shop sah die Sache machbar aus und auch der Einstieg wirkt nicht unmöglich. Simone winkt schnell ab, aber Daniel und ich wollen es wissen, tasten uns Stück für Stück voran. Nach etwa 3/4 des Drop-ins stehen wir aber vor einer Stufe, an der sich die Fahrbarkeit uns nicht erschließen will. Die Optionen sind:

  1. Laaangsam runterrutschen und unten hoffen, nicht in Sand und Felsen über den Lenker zu gehen.
  2. Ins Flat hucken und unten hoffen, nicht in Sand und Felsen über den Lenker zu gehen.
  3. Erst auf einen Zwischenfels zu trialen und unten hoffen, nicht in Sand und Felsen über den Lenker zu gehen.
  4. Rechts durch eine schmale Rinne sneaken und hoffen, nicht mit den Pedalen hängen zu bleiben.

Wir entscheiden uns für Variante 5) und tragen einfach, schwören uns aber das Video nochmals anzuschauen. Inzwischen haben wir das getan, die meisten erfolgreichen Fahrten scheinen durch Variante 4) zu gehen – vielleicht nächstes Mal, es bleibt aber wesentlich kniffliger, als es auf Youtube aussieht.

Collared Lizard, willkommener Farbklecks in der Wüste
# Collared Lizard, willkommener Farbklecks in der Wüste

Sicht auf den "besten Trail der Gegend"
# Sicht auf den “besten Trail der Gegend”

Darum geht's: Kurven, kurven, kurven.
# Darum geht’s: Kurven, kurven, kurven.

Der Horse Thief Loop selbst lässt uns dann einfach nur grinsen. 10km und 150hm im Kreis (wir fahren links rum) zieht sich dieser schmale Trail unterhalb der roten, malerischen Felsen und oberhalb des Colorado River durch steppenartige Wiesen, die Kurven sind teils felsig, teils sandig, aber in jedem Fall pure Freude. Dieser Singletrail hat einfach alles, was das Biker-Herz begehrt: Viel Fahrfluss, kleine Sprünge, Steilkurven, kleine natürliche Wallrides, technische Passagen, das alles verteilt auf Uphill und Downhill. Dazu kommt der Einstieg, an dem Bikebergsteiger Spaß haben dürften – einfach eine runde Sache, dieser Loop.

Die erste Hälfte des Einstiegs ist noch gut machbar
# Die erste Hälfte des Einstiegs ist noch gut machbar

Ganz oben können wir sogar noch ein bisschen spielen...
# Ganz oben können wir sogar noch ein bisschen spielen…

Viel Flow, dahinter tolle Felsskulpturen
# Viel Flow, dahinter tolle Felsskulpturen

Tubeless eben...
# Tubeless eben…

Eine der Stellen, an denen ein bisschen Gleichgewicht gefragt ist.
# Eine der Stellen, an denen ein bisschen Gleichgewicht gefragt ist.

Auf dem Boden rollt jeder Reifen super schnell.
# Auf dem Boden rollt jeder Reifen super schnell.

Im Anschluss packen radeln wir über Mary’s Loop vor der Sonne davon und freuen uns im Auto die Air Condition anzuschmeißen. Ab jetzt geht es ein-einhalb Stunden über Interstate und Landstraße nach Moab. Die Route wurde uns als die mit den besten Aussichten empfohlen, und tatsächlich: Richtig beeindruckende Felsformationen bahnen uns den Weg ins Mekka der Mountainbiker, Moab.

In Moab angekommen tanken wir bei Sandwich und kühlen Getränken neue Kraft, für den Abend haben wir uns einen Klassiker vorgenommen: Den Slickrock Trail! Der sollte, spätestens seit Tobis Bericht von letztem Jahr, jedem ein Begriff sein. Mir wurde auf dem Weg dorthin nicht nur gutes über ihn erzählt. “Kein Flow, ständig bergauf und bergab, aber nichts gescheites!” oder “Das ist doch kein Trail! Da sind Markierungen, aber du kannst halt überall fahren. Geh da lieber auf eine 4×4-Tour hin!” oder “Völlig gehypt, gar nicht so besonders!”

Nebensaison und Nachmittag: Keine Sau weit und breit
# Nebensaison und Nachmittag: Keine Sau weit und breit

So geht's los: Simone auf dem Slickrock
# So geht’s los: Simone auf dem Slickrock

Sonne, Mond und rote Felsen.
# Sonne, Mond und rote Felsen.

Nicht nur landschaftlich atem beraubend, auch der Trail ist...
# Nicht nur landschaftlich atem beraubend, auch der Trail ist…

... erste Sahne!
# … erste Sahne!

Fahr doch wo Du willst - Freiheit auf glattem Gestein
# Fahr doch wo Du willst – Freiheit auf glattem Gestein

Unglaublich griffig und die wichtigste Zutat für den Trail: Das Gestein
# Unglaublich griffig und die wichtigste Zutat für den Trail: Das Gestein

Rot und blau, wie von einer anderen Welt.
# Rot und blau, wie von einer anderen Welt.

Mit diesen Eindrücken fuhren wir gegen 18:30, die Temperaturen wieder bei angenehmen 30°C, auf den Parkplatz zum Trail. Im Grunde kann man sich alle Details hier durchlesen, ich kann nur sagen: Ich war völlig vom Hocker. Ich hatte es gar nicht kommen sehen, dass wir diesen Kult-Trail fahren würden, aber in dem Moment, in dem man die roten Felsen betritt, spürt man es schnell. Bilder aus Bike-Filmen flackern vor dem inneren Auge, alle Erinnerungen an flowige Felsstücke mit minimalem Rollwiderstand kommen wieder. Für mich ist der Slickrock-Trail wie ein einziger Spielplatz, die ultimative Freiheit. Die gestrichelte Linie ist dabei nur die Leitlinie, die einen die schönsten Ecken dieser umwerfenden Landschaft und die rundesten Steine des Gebiets zeigen will.

Die Stimmung bei Sonnenuntergang ist phänomenal.
# Die Stimmung bei Sonnenuntergang ist phänomenal.

Schöne Ausblicke gibt es als Zugabe für die Verschnaufpausen.
# Schöne Ausblicke gibt es als Zugabe für die Verschnaufpausen.

Ohne Worte: Gestein, so weit man gucken kann.
# Ohne Worte: Gestein, so weit man gucken kann.

Simone in einem der längeren Anstiege
# Simone in einem der längeren Anstiege

Steil, steiler, Slickrock
# Steil, steiler, Slickrock

Im Hintergrund Shrimp Rock, im Vordergrund geht Daniel über den Lenker
# Im Hintergrund Shrimp Rock, im Vordergrund geht Daniel tief über den Lenker um nicht nach hinten umzukippen.

Während die Sonne weiter daran arbeitet, den Farbton meiner Haut dem der Umgebung anzupassen, schlängelt sich die Wegmarkierung weiter munter zwischen den Felsen entlang. “Ja ne is klar!” denke ich mir, als meine schweißumflossenen Augen erkennen, wo die Wegmarkierungen ihren weiteren Verlauf nehmen: Ohne groß drum herum zu pinseln, einfach mal straight den Fels hoch. Unfahrbar, sagt mir die Erfahrung, und doch haben sich die Typen hier bisher immer was bei gedacht. Also mal drauf los… und ja verdammt, irgendwie geht das. Ich habe dem ersten Gang – eine 22/36er Übersetzung – ja lange jeglichen Sinn abgesprochen, hier, bei gefühlt 45° Steigung, muss ich sagen: Supersach! Die Salzkruste auf meiner Haut entspricht inzwischen dem oberen Zentimeter des Ufers des Great Salt Lakes, unfassbar was bei den Temperaturen an Flüssigkeit durch den Körper geht, und so bin ich einfach nur froh, als sich der Kreis schließt und wir uns im Sonnenuntergang wieder langsam dem Parkplatz nähern.

Der Schein trügt nicht: Das sind versteinerte Dünen
# Der Schein trügt nicht: Das sind versteinerte Dünen

Fototapete aus rotem  Fels
# Fototapete aus rotem Fels

Was einmal Sand war, ist jetzt perfekt griffiges Gestein.
# Was einmal Sand war, ist jetzt perfekt griffiges Gestein.

Ernst nehmen: Ohne Wasser wird diese Tour gefährlich.
# Ernst nehmen: Ohne Wasser wird diese Tour gefährlich.

Die Felsen vom Slickrock sind so schön, dass man alle zehn Meter ein Foto der Woche schießen könnte, wenn man nicht erst um kurz vor sieben losgeradelt wäre. Am Ende brauchen wir mit kleinen Fotostops etwas mehr als zwei Stunden und sind rundum zufrieden. Damit jetzt keiner sagt, ich würde den Trail hier hypen, noch ein paar Anmerkungen: Der heftige Seitenwind pustet einen von Zeit zu Zeit fast von den Felsen, im ersten Gang mordsteile Felsen hoch zu kurbeln kostet ganz schön Kraft, die 4×4-Jeeps sind etwas… Amerikanisch… und die kurzen Sandfelder zwischen den Felsen fühlten sich auch ab und an an wie Treibsand. Aber selbst die Sandpassagen hat man nach ein Paar mal fahren drauf, dann fühlen sie sich an wie Tiefschnee: Zurücklegen, treten und durch surfen. Es tut mir Leid, ich kann es nicht anders sagen: für mich war der Slickrock das beste, was ich bisher auf zwei Rädern gefahren bin. Und das, obwohl es keine Abfahrt ist – Ich habe auch keine Ahnung, was mit mir los ist :D

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Letztes Jahr hatten schon einige hier den Slickrock unter die Reifen genommen, jetzt weiß ich warum – wer hat sich in den letzten 12 Monaten hinreißen lassen, mal selbst zu überprüfen, ob die Sache wirklich so lohnenswert ist?


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