El Hierro bleibt als kleinste der zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln auch nach unserem Spot-Check von vor fast drei Jahren ein Geheimtipp. Saskia Bauer und Hans-Joachim Kleine ließen sich davon nicht abschrecken und verbrachten im letzten Winter zwei Wochen auf der schönen Vulkaninsel. Viel Spaß beim Bericht von ihren Erfahrungen – inklusive grandioser Fotos!

Viele Leute buchen ihren nächsten Urlaub, während sie gerade woanders Ferien machen. So auch Hans und ich. Wir waren über den Sommer zwei Wochen lang mit unseren Bikes in Norwegen unterwegs. Die Touren waren der Hammer, die Landschaft faszinierend! Leider waren die Distanzen zwischen den Spots dann aber doch größer als ursprünglich gedacht und so sind wir weit weniger zum Biken gekommen, als wir eigentlich wollten. Als Hans dann bei unserer letzten Tour auch noch unglücklich gestürzt ist und dabei sein Schaltauge verbogen wurde, war die Stimmung etwas down. Auf einem Felsen sitzend, vor uns ein Ausblick wie aus dem Bilderbuch, buchte Hans also direkt zwei Flüge für einen richtigen Bike-Urlaub auf den Kanaren – auf El Hierro, genauer gesagt.

Gebucht, getan. Am zweiten Tag des neuen Jahres geht es direkt von der Silvesterfeier in den schneebedeckten österreichischen Alpen zum Flughafen, von wo aus wir über Teneriffa in die Wärme El Hierros reisen. El Hierro ist die kleinste Insel der Kanaren, nur etwa 9000 Menschen leben hier. Sie ist abgeschnitten vom Rest der Kanaren – nur mit der Fähre oder einem kleinen Flugzeug kann man übersetzen. Darum ist hier alles etwas ruhiger und beschaulicher, am zweiten Abend in der gleichen Bar wird man mit einem herzlichen Lachen begrüßt. Und im Gegensatz zu Teneriffa darf man auf El Hierro auf Singletrails biken. Neben der Ruhe, Abgeschiedenheit und vielfältigen Natur der Hauptgrund, warum sich eine Reise auf die Insel lohnt, die früher das Ende der Welt genannt wurde. Und natürlich, weil Hans gut mit Ralf von mtb-active befreundet ist, der uns die nächsten Tage die besten Bike Spots der Insel zeigen würde!

El Hierro-107
# El Hierro-107
El Hierro-113
# El Hierro-113
El Hierro-114
# El Hierro-114

Obwohl nicht besonders groß, findet man auf El Hierro verschiedenste Vegetationszonen. Wie alle Kanareninseln ist auch El Hierro bei Vulkanausbrüchen aus dem Meer gewachsen. Der höchste Punkt der Insel ist mit 1502 m der Malpaso und bietet einen spektakulären Blick aufs Meer und die anderen Inseln der Kanaren. Bei guter Sicht sieht man den Teide auf Teneriffa aus dem Meer aufragen und manchmal spitzelt er aus einer Wolkendecke hervor, wie man sie meist nur aus dem Flugzeug kennt.

Die Berge El Hierros sind durchzogen von Wanderwegen, von denen fast alle offiziell mit dem Mountainbike gefahren werden dürfen. Und trotz ihrer Winzigkeit bietet die Insel genug Trails für zwei Wochen Biken vom Feinsten!

Kaum Touristen, dafür tiefenentspannte Einheimische
# Kaum Touristen, dafür tiefenentspannte Einheimische

Als der Wecker klingelt, ist es dämmrig und grau draußen. Sieht nicht unbedingt nach einem Tag aus, den man draußen verbringen möchte und am liebsten würde ich noch ein Stündchen liegenbleiben. Aber Hans ist so heiß aufs Biken, dass mir nichts übrig bleibt, als etwas verschlafen aus dem Bett zu kriechen und direkt in meine Rad Klamotten zu steigen… Außerdem hat die Erfahrung der letzten Tage gezeigt: man muss einfach nur nach oben, dort scheint meistens die Sonne! Und sollte das doch nicht der Fall sein, geht die erste Abfahrt zur Südküste runter, wo es nahezu eine Sonnenscheingarantie gibt. Durch die besondere Beschaffenheit der Insel, ist die Leeseite der Bergkette meistens in Sonne getaucht, während es auf der Luvseite oft neblig oder zumindest bewölkt ist.

Los gehts also, Treffpunkt mit den anderen ist um 10 Uhr, dann fährt uns Gustavo, ein einheimischer Taxifahrer, den Berg hoch. Nach etwa fünfzehn Minuten tauchen wir in die Wolken ein, die Stimmung sinkt etwas, wir hoffen, der Nebel lichtet sich bald wieder. Und so ist es! Als wir 1300 Höhenmeter später am Startpunkt unserer Tour ankommen, erwartet uns blauer Himmel und warmer Sonnenschein. Schnell die Bikes abladen und los gehts! Hier oben geht es hinein in den Zauberwald, mystisch bewachsen sind die Bäume mit Moosen und Flechten. Der Trail ist flowig, windet sich in leichten Kurven und geringem Gefälle durch den Wald. Nach kurzer Zeit lichtet sich das Dickicht und wir sind mitten auf einem Abhang aus Lavasand. Ich merke schnell: hier hilft Geschwindigkeit, die Linie zu halten und nicht auf losem Untergrund ins Schlingern zu geraten. Am Ende des Abhangs steht unser Guide Ralf und ruft uns lauthals entgegen: “Runterschalten, da kommt ein kurzer aber knackiger Gegenanstieg!” Und der hat es in sich. Nach Ende des steilen Stückes folgt ein lockerer Anstieg, den wir gemütlich nach oben treten, bevor es ein kurzes Stück über Schotterpiste auf den nächsten Trail in den Pinienwald geht.

Magische Momente im Zauberwald
# Magische Momente im Zauberwald
Trails im Zauberwald
# Trails im Zauberwald

Wir sind auf der anderen Seite der Bergkette angekommen und der Wald ist trockener und lichter. Die Trails auf Piniennadeln sind stellenweise rutschig und ich bin froh, dass es in der Nacht leicht geregnet hat. Somit spüre ich etwas mehr Grip unter den Reifen. Als der Wald sich auch hier wieder lichtet, kommen wir in anspruchsvolleres Gelände. Hier liegt wie plötzlich Lavagestein auf dem Trail, manchmal fest, manchmal lose. Beides hat seine Tücken und ich habe am Anfang ganz schön damit zu kämpfen, das richtige Maß an Geschwindigkeit zu finden. Schon bald mache ich meinen ersten kontrollierten (weil zu langsam) Bunny-Flop über den Lenker. Okay, nächstes Mal also etwas schneller! Stürze bleiben hier leider nicht aus und als wir am nächsten Tag am Strand sind, bekomme ich den ein oder anderen komischen Blick von der Seite – mein Oberschenkel schillert in allen Regenbogenfarben. Aber das bin ich gewöhnt: wenn ich mit Hans unterwegs bin, habe ich überall blaue Flecken, denn abhängen lasse ich mich bestimmt nicht! Und manchmal gehts eben schief …

Am Ende des Lava-Fels-Trails stoßen wir auf eine geteerte Straße, die uns geradewegs ins nächste Örtchen und zu unserem wohlverdienten Barraquito (Kaffee mit gesüßter Kondensmilch) führt. Nach der kleinen Stärkung geht es weiter abwärts und die Trails werden zunehmend ruppiger. Ralf nennt sie auch liebevoll Holter-Gepolter-Trails. So sind die Trails überall auf der Insel, je weiter man sich dem Meer nähert: holprig, steinig, felsig und teilweise steil sowie ziemlich verblockt. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, bietet aber großes Potential, die eigene Fahrtechnik zu verbessern. Fehler werden meist gleich bestraft, deshalb lohnt es sich, erst gar keine zu machen. Manchmal gelingt mir das, manchmal mache ich einen ungewollten Abgang und es gesellen sich drei weitere blaue Flecken zu den bereits vorhandenen.

Nach etwa zwei Stunden Abfahrt mit kurzen Gegenanstiegen erreichen wir den Fuß des Berges und machen hungrig Mittagspause in einer lokalen Taperia. Es gibt Tintenfischsalat, Bocadillos (Sandwiches), Chipirones (frittierte kleine Tintenfische) und als Nachtisch einen cafe con leche (Milchkaffe). Kaum sind wir fertig, kommt Gustavo mit dem Auto um die Ecke, lädt die Bikes auf den Anhänger und es geht wieder hoch auf den Berg!

Guide Ralf bei seinem Signaturmove
# Guide Ralf bei seinem Signaturmove
Kulinarisch gibt es auf der Insel einiges zu entdecken
# Kulinarisch gibt es auf der Insel einiges zu entdecken
Lokaler Wein lecker!
# Lokaler Wein lecker!
El Hierro-119
# El Hierro-119

Die Geschichte vom Morgen könnte sich nun wiederholen: durch die gleichen Vegetationszonen auf neuen Trails hinunter ins Tal. Heute wählen wir jedoch einen besonderen Weg für die Fahrt zum Feierabendbier: Anders als die meisten Trails auf El Hierro ist dieser hier meistens feucht und immer extrem steil. In engen Spitzkehren windet er sich an einer Nordflanke des Berges ins Tal hinunter und lässt mich neidisch Hans vor mir beobachten, der elegant und smooth das Hinterrad versetzend um die engen Kurven fährt. Meist komme ich auch um die Kurven rum, manchmal muss ich aber kurz mit den Händen nachhelfen. Die ein oder andere Stelle des Trails ist tricky, erfordert gute Technik sowie eine gesunde Portion Mut und Selbstbewusstsein. Das sind eigentlich die Trails, die ich am liebsten mag: steil, technisch anspruchsvoll, etwas angsteinflößend. Und seit ich in Schottland studiere, wo der Untergrund immer nass und rutschig ist, mag ich sogar das. Dieser Trail auf El Hierro liegt mir also, es ist fast wie in Schottland! Wenn wir ab und an anhalten und die Arme ausschütteln, sind wir selbst überrascht, wie steil der Trail von unten aussieht und denken: “Krass, und da sind wir runtergefahren?!”

Die letzten 200 Höhenmeter führen über altbekannte Holper-Gepolter-Lava-Trails zurück in die Ortschaft Frontera. Nach insgesamt 2400 Tiefenmetern an diesem Tag haben wir uns ein Bier verdient, was in einem eisgekühlten Glas serviert wird, in dem der Schaum leicht anfriert. “Ich habe Hunger!” meine ich zu Hans, der belustigt entgegnet: “Was du nicht sagst – alles andere wäre unnormal für dich!” Wir verabreden uns für den Abend mit den anderen in einer lokalen Guachinche (einfache Wirtschaft mit leckerem Essen) zu einer riesigen Platte Papas Fritas und Rippchen. Köstlich! Wer es etwas weniger rustikal mag, wird am nächsten Tag nach einer ähnlichen Tour im Fischrestaurant nebenan fündig. In Deutschland unbezahlbar, gibt es hier Napfschnecken, Tintenfisch oder Thunfisch mit einheimischen Wein. Genau richtig, um aufregende und geniale Tage wie diesen gemütlich ausklingen zu lassen.

Entgegen unserer Gewohnheit, haben wir auf El Hierro nicht bereits die Flüge zum nächsten Abenteuer gebucht. Was jedoch feststeht: auf El Hierro waren wir nicht das letzte Mal! Auch wenn ich beim nächsten Besuch für ein bis zwei mehr entspannte Pausentage plädiere, komme ich doch gerne wieder! Let’s ride the paradise again!

El Hierro-120
# El Hierro-120
El Hierro-123
# El Hierro-123
El Hierro-127
# El Hierro-127
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# El Hierro-136

Reise, Organisation und Unterkunft

Anreise

Die Anreise nach El Hierro ist ein bisschen kompliziert und langwierig, sorgt aber für einen entspannten Urlaub weitab der Touristen-Hochburgen. Wäre die Insel besser zu erreichen, würde sie sicher einiges von ihrem Charme verlieren.

Wir sind von Basel aus nach Teneriffa Süd geflogen, dort mit dem Taxi weiter nach Los Christianos (ca. 15 €) gefahren und haben von da die Fähre nach El Hierro genommen. Auf dem Rückweg sind wir mit dem Inselhopser (kleines Flugzeug von Binter Canarias) nach Teneriffa Nord geflogen und haben von dort aus den öffentlichen Bus (fährt jede halbe Stunde) zum Südflughafen genommen. Nach Teneriffa Süd fliegen u.a. Easyjet, Tuifly und viele andere. Wenn man Glück hat, findet man manchmal günstige Flüge über Madrid & Teneriffa Nord nach El Hierro.

Unterkunft

Auf El Hierro gibt es fast keine Hotels. Wir haben in einer privaten Ferienwohnung übernachtet. Die findet man z.B. Airbnb oder man fragt bei der Bike-Station nach.

Biken

Biken ist fast auf der ganzen Insel auf fast allen Wegen erlaubt. Es gibt zwei besondere Schutzzonen, die man meiden soll. Infos dazu und geführte Trail- und Endurotouren gibt es bei der Bikestation:

Mountainbike Active
Calle la Corredera 9
38911 Frontera
tenerife-hierro-mtb.de/hierro

Bikes & Ausrüstung

Für die Insel eignen sich stabil ausgestattet Trailbikes und Enduros. Die vielen scharfen Lavasteine fordern aber schnell ihren Tribut ein, daher auf jeden Fall stabile Reifen mit extradicker Karkasse montieren (oder vergleichbares  á la Procore oder Schwimmnudeln ;) ).

Für die geführten Touren kann man bei Mtb-Active hochwertige Trailbikes leihen. El Hierro ist eine Insel des ewigen Aprilwetters, das heißt: neben Sonnencreme und genug Wasser sollte man immer auch warme Sachen und eine Regenjacke einpacken. Knieprotektoren und evtl. Ellbogenprotektoren machen bei dem scharfkantigen Untergrund ebenfalls Sinn.

Essen

Es gibt eine gute Auswahl an leckeren Bars und Restaurants auf der Insel, mit zum Teil hervorragendem Preis-Leistungs Verhältnis. Eine Liste der Restaurants die wir mochten, findet ihr auf Google Maps.

El Hierro-137
# El Hierro-137
El Hierro-138
# El Hierro-138
El Hierro-142
# El Hierro-142
Wolken an den Hängen der Insel
# Wolken an den Hängen der Insel
Text: Saskia Bauer | Fotos: Mount7, Saskia Bauer, Fabio Oberholzer und Hans-Joachim Kleine
  1. benutzerbild

    Der Kassenwart

    dabei seit 03/2006

    Takes me back to 2011! Viele abgelichtete Spots kommen mir nach dieser Zeit immer noch bekannt vor. Cool, dass ihr noch ne Fotostory bringt, vielleicht schaffe ich es auch irgendwann mal wieder nach El Hierro!
  2. benutzerbild

    Stelloni

    dabei seit 10/2013

    Und die dritte im Bunde Isla de bolito La Palma ein Traum
  3. benutzerbild

    alles-fahrer

    dabei seit 07/2011

    Schöner Bericht und tolle Fotos. Der Film ist super, der sollte im Bericht auch auftauchen.

    Gibt's von euren Touren ein paar GPS-Tracks? Ich habe Freunde da, und würde gerne etwas davon nachfahren.
  4. benutzerbild

    AchseDesBoesen

    dabei seit 08/2003

    Auf El Hierro war ich noch nicht, dafür aber auf Teneriffa und auch bei Ralf. Kanaren sind echt ein ziemlich geiler "November-Februar-Tipp", da sie 1) nicht so weit weg sind, 2) das klima ideal ist, 3) alles noch relativ bezahlbar ist und 4) eine MTB Infrastruktur schon vor Ort existiert (was natürlich auch an Ralf und seinem Engangement vor Ort liegt).
  5. benutzerbild

    keroson

    dabei seit 09/2006

    Hi @alles-fahrer
    Danke! Wir haben keine Tracks, aber Route planen mit strava heatmap sollte funktionieren.

    @AchseDesBoesen
    Gerade was Preise angeht, fand ich El Hierro zum Teil extrem günstig, 0,5 Liter für unter 2 Euro in der richtigen Kneipe. Mehr geht nicht!

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