Denn, nichts gegen die 2010er Rennen, nichts gegen Jared Graves und auch nichts gegen das RSP-Team, zum Teil verliefen die meisten Rennen letztes Jahr recht vorhersehbar: Jared Graves fährt gegen eine große Horde RSP-Fahrer, die deutschen Fahrer stürzen oder scheiden unglücklich aus, und am Ende gewinnt entweder Jared Graves oder das Team RSP in einer seiner Ausprägungen. Warum sich 2011 etwas an dieser – zugegebenermaßen übertriebenen Darstellung – ändern wird? Weil Rafael Alvarez de Lara Lucas zurück kehrt und voraussichtlich für einiges an Durchmischung sorgen wird. Doch auch andere Fahrer sind wieder heiß aufs Finale: Michael Prokop, Weltmeister Tomas Slavik und natürlich die deutschen Speerspitzen Guido Tschugg und Johannes Fischbach.
Die Strecken
Während Windham raus ist, bleiben noch 5 WC Strecken und eine WM für die weltbesten Fahrer der Disziplin 4X. Den Auftakt macht Pietermaritzburg in Südafrika, wo zuletzt 2009 ein Dreifach Weltcup ausgetragen wurde. Im Finale standen damals Graves, Prokop und Rinderknecht, allesamt gerade aus der Olympia-Saison zurück – Tret-Tiere also, was auf der längsten Strecke aller Zeiten von Vorteil war. So lang, dass die Frauen völlig am Ende ins Ziel rollten. Schauen wir mal, wer dieses Jahr die Fitness hat, in Südafrika nach vorne zu fahren.
Weiter geht es am 4./5. Juni in Schottland, genauer Fort William. Die Strecke liegt unter anderem Jared Graves, doch wurde er bei der WM hier schon vom Pech verfolgt, als er konkurrenzlos durch einen Plattfuß um den Sieg gebracht wurde.

Letztes Jahr konnte ihn auf dieser echten Mountainbike-Strecke keiner um den Sieg bringen, Johannes Fischbach und Roger Rinderknecht mussten allerdings mit einer anderen Tücke der Strecke Bekanntschaft machen: Sie wurden disqualifiziert, weil sie eine Fahne übersprungen hatten und werden dieses Jahr wohl extra vorsichtig sein, wenn es um solche Abkürzungen geht.
Next Stop: Leogang – am 11. und 12. Juni geht es in Österreich auf der von Guido und Johannes mitgestalteten Strecke um alles. Sie kann mit großen Sprüngen, schönen Step-up Step-down Kombinationen und einigen Varianten für Spannung sorgen. Bei den Fahrern ist sie sehr beliebt, Herr Graves spricht von „einer echten Herausforderung… davon könnte der WC mehr gebrauchen!“ Auf der 40sek. langen Strecke waren im letzten Jahr das RSP Team, Michal Prokop und Jared schnell unterwegs dabei, dazu gesellte sich aber auch Slopestyler Martin Söderström, ich bin gespannt, ob er auch dieses Jahr wieder ab und an für Stimmung sorgen wird.
Weiter geht es am ersten Juli Wochenende in Mont Saint Anne, Kanada. Ich hoffe, dass dort auch die deutschen und europäischen Fahrer am Start sein werden, für ein einziges Rennen lohnt die lange Reise schließlich nicht mehr ganz so sehr, wie wenn beide Nordamerikanischen Rennen an Wochenenden aufeinander folgten. Letztes Jahr wurde hier Tomas Slavik Weltmeister, das Rennen war wirklich spannend, die Strecke für Herren und Frauen passen, genial!
Das Saisonfinale wird schließlich in Italien, genauer im Val di Sole ausgetragen. Die 4X Strecke ist perfekt für die Übertragung auf Freecaster ausgelegt und mit einigen Steinfeldern auch als Mountainbike-Kurs erkennbar. Ich erinnere mich an einige spannende Zweikämpfe dort, hoffentlich bleibt es dabei!
Zwei Wochen später findet die Weltmeisterschaft in der Schweiz, Champery, statt. Damit ist das Rennen auf der engen Strecke mit den kleinen Sprüngen in Houffalize nicht mehr dabei, was die 4X-Fahrer weniger stören wird als die XC-Abteilung, dort erfreute sich der Belgische Weltcup immer großer Beliebtheit. Den Stop in Schladming würde ich da schon eher als Verlust für die Abfahrts-Disziplinen betrachten.
Die Fahrer
Guido Tschugg [IBC-INTERVIEW kommt]
Ist der deutsche Altmeister in der Disziplin 4X. 2011 will er wieder aufs Podium, wie sich das anfühlt, weiß er. Den Winter über hat er viel trainiert, sowohl auf dem hauseigenen Track unter einer Autobahnbrücke, als auch auf La Palma oder auf seiner Motocross-Maschine – im Grunde kann man sich nicht besser vorbereiten.

Tschugg, Fischbach, Meyenborg – die deutsche 4X-Elite
Johannes Fischbach [IBC-Interview]
Konnte Guido schon das ein oder andere Mal die Show stehlen – trotzdem sind die beiden Kumpels, fahren im gleichen Team, reisen zusammen und bereiten sich gemeinsam vor. „Fischi’s“ Vorbereitung sah ähnlich aus wie die von Guido, nur dass er 6 Wochen wegen einer Schlüsselbeinverletzung nicht ganz nach Plan trainieren konnte. An Sieginstinkten mangelte es ihm bisher auf deutscher Ebene nicht, im Weltcup wirkte er von Zeit zu Zeit zu offensiv – oder ihm fehlte einfach nur das nötige Quäntchen Glück, um sich aus Rangeleien raus zu halten.

Rafael Alvarez de Lara Lucas
Der Name war oben schon gefallen – dieser Spanier kam 2008 aus dem nichts, gewann gefühlt jedes Rennen, wurde Weltmeister und Weltcup-Sieger und verschwand ebenso schnell wieder von der Bildfläche. Wie ist das möglich? Nur durch einen BMX-Background für den Auftakt und eine Verletzung für den Ausstieg. 2011 ist er zurück auf Specialized und will einfach nur gewinnen.
Jared Graves [Winterview]
Der Mann, den es zu schlagen gilt. Auch letzte Saison stand er bereits frühzeitig als Weltcup-Sieger fest, nur mit dem WM-Titel hat es 2010 nicht gepasst. Dieses Jahr wird seine letzte 4X Saison sein, 2012 startet Graves erneut für Australien bei der Olympiade in London. Auf dem BMX konnte er in Peking zeigen, was er drauf hat, auch wenn für einen Sieg erneut das nötige Quäntchen Glück fehlte.

Tomas Slavik
Ihm haben wir zu verdanken, das Graves letztes Jahr nicht alles gewinnen konnte: Der Tscheche ist der amtierende Weltmeister und hat mit seinem RSP-Team einiges an Rückendeckung, es sei denn, die kümmern sich gerade um…

Joost Wichmann
die zweite Top-Gun im Team RSP. Der fliegende Holländer und RSP-Team Koordinator ist immer für eine Top-Platzierung gut und tritt einige Watt. Besonders im Teamflug gemeinsam mit Slavik, Jurg Meijer (Bronze WM2010) und Michal Marosi (immer spektakulär) ziemlich beeindruckend.

Michal Prokop
Ebenfalls schon seit einiger Zeit dabei und auf seinem Author immer fürs Podium gut. Fahrerisch eher unspektakulär, aber dafür umso effizienter – außerdem ist er auch einer von diesen BMX-Olympioniken, denen große Sprünge, Enge im Luftraum und flache Tretstücke einfach gar nichts anzuhaben scheinen – er fährt auch gerne ein landesinternes Duell gegen Slavik und Kamil Tatarkovic.
Roger Rinderknecht [IBC-Interview kommt]
Der Schweizer will 2012 in London auf dem BMX an den Start gehen, hat tonnenweise Erfahrung und war auch letzte Saison wieder in einigen Finals zu sehen, in Val die Sole siegte er 2010 sogar. Für mich ist er Mr. Wellensurfer – wer dieses eine Oldschool-Video von ihm kennt, im Hintergrund Blumentopf „Fuck the System“, weiß, wovon ich rede – aber auch seine Einlagen im Promo-Video zum Pumptrack Zürich lassen erahnen, wozu er im Stande ist.

4X ist aber immer auch eine Disziplin, in der mancher schnelle Fahrer durch Glück oder Pech ganz weit nach vorne oder hinten befördert werden kann – einige solche Sternschnuppen seien hier kurz erwähnt: Dan Atherton gewann schon einen 4X-Weltcup, 2011 will er sich wieder mehr auf Downhill konzentrieren, die Verletzung hat ihm viel Zeit nachzudenken gegeben. Cedric Gracia war lange Zeit nicht nur spektakulär, sondern auch richtig erfolgreich. Mit seiner CG Racing Brigade nimmt er das Training wieder ernster, aber da er auch im Downhill antritt, ist er wohl nicht ganz vorne mit dabei. Scott Beaumont, David Graf, Romain Saladini, Filip Polc, … die Anzahl an Fahrern, die potentiell weit kommen können, ist in dieser Disziplin riesig – für mich einer der Spannungsfaktoren, ich bin oft ernsthaft zwiegespalten, wen ich gerne in der nächsten Runde sehen würde.
Die Bikes
Im 4X liegt der Fokus der Entwickler nicht so stark wie im Downhill auf den Rahmen – eine Federung ist auf vielen Strecken ohnehin nicht von Nöten. Dennoch gibt es an den Fahrrädern der Profis einige interessante Details zu entdecken.
Yeti
Jared Graves hat nichts als das beste verdient – er ist mit der erfolgreichste 4X Pilot aller Zeiten. Kein Wunder also, dass bei Yeti in Colorado für ihn besondere Rahmen geschweißt werden. Sein Hardtail hört irreführendeauf den Namen „DJ“, ist aber im Grunde ein perfektioniertes 4X-Bike. Es besteht aus gefalteten, überdimensionierten Alu-Rohren, von denen keines rund zu sein scheint. Das Steuerrohr ist tapered, eine Kettenführung wird per ISCG montiert. Wo bei der Serienversion ein verschiebbares Ausfallende zu finden ist, wurden für Jared die Achsaufnahmen fest eingeschweißt, er würde selbst den festesten Verstellmechanismus bei seinen Antritten verziehen. Ansonsten findet sich eine Fox 32 Float, viel Thomson, SDG und Shimano. Das Bike liegt bei 11,2kg, Steifigkeit ist wichtiger als Gewicht. Den Bodenkontakt halten spezielle Schwalbe Nobby Nic / Racing Ralph, bei tieferen Böden Fat Albert. Speziell macht sie die Gummimischung, die für mehr Dämpfung sorgen soll. Wenn die Strecke es erfordert, fährt der Australier das Yeti 4X Fully, ein reines Racebike mit 100mm Notreserven.
Ghost
Das Arbeitsgerät von Johannes Fischbach und Guido Tschugg ist ein außerordentlich leichtes Alu-Hardtail, der Rahmen wurde anscheinend mit 1,6kg gewogen. Das Bike ist 2011 auch für normalsterbliche käuflich zu erstehen, in der Serie wiegt der Rahmen allerdings 1,9kg. In jedem Fall wird aber richtig aufs Gewicht geachtet: Carboncage Kettenführung, ein Hauch von Sätteln, dazu leichte Reifen. Johannes fährt inzwischen auf SR Suntour ab, Guido ist weiterhin mit Marzocchi Gabeln, Syntace Teilen und einer Shimano Schaltung versorgt. Für Traktion sorgen bei ihm Michelin Reifen, die auch nicht übergewichtig sein dürften. Gesamtgewicht des Rades? 8,4kg – zumindest laut Foto. Für die verbauten Teile kann das Foto aber kaum sein, realistischer ist wohl <11kg. Der Mechaniker von Jared Graves hat mir auch schon versucht, das Bike für 9,9kg zu verkaufen, in dem das Vorderrad leicht abgestützt wurde…
Team RSP
Auf was für einem Bike ist das erfolgreichste Team des 4X Weltcups eigentlich unterwegs? Und was ist RSP überhaupt? Fragen, die gar nicht so klar werden, wenn man einfach nur 4X schaut. Fest steht: Zu den Sponsoren des Teams gehören KTM, Sram, Kenda, Avid, RockShox, … und natürlich rsp. Wer oder was ist rsp? Ein zumindest mir noch unbekannter Hersteller von Fahrradpflege-Artikeln und Sportmassage-Produkten, zum Beispiel:
„RSP Kälte & Regen Öl
Muskelöl für kaltes und regnerisches Wetter
Kälte & Regen Öl erwärmt die Muskulatur tief und gleichmäßig bei kaltem und regnerischem Wetter (unter +10°C). Kälte & Regen Öl wird vor dem Sport durch leichtes einmassieren angewendet. Kälte & Regen Öl unterstützt und verkürzt das Aufwärmen der Muskulatur und vermindert Muskelkater und die Gefahr von Zerrungen.“
Ob die RSP-Jungs deshalb so schnell sind? Ich bin mir nicht ganz sicher…
BMC 4X Carbon-Fully
Noch ein Prototyp ist das Kohlefaser-Fully von Roger Rinderknecht – schon letzte Saison war er auf einem Carbon-Hartail der schweizer Marke unterwegs, jetzt zeigte er uns auf dem Sea Otter sein neues Arbeitsgerät (von uns nachgewogene 10,7 Kilo):
Ibis
Wann immer Brian Lopes an den Start geht, ist er für einen Sieg gut. Sein Arbeitsgerät ist recht ungewöhnlich, denn Ibis baut weder Dirt-Bikes noch 4X-Fullies. Aber Ibis scheint Räder zu bauen, die für solche Späße geeignet sind. Beim Sea Otter wurde Lopes auf dem Mojo nur knapp zweiter, wenn es ein Hardtail sein darf, ist er auf dem superleichten, zerlegbaren Tranny unterwegs – beide wie selbstverständlich aus Carbon.
Bald ist es so weit – ich freue mich so dermaßen auf die Rennen, egal ob 4X oder Downhill…





23 Kommentare
» Alle Kommentare im Forumähm an dem bike vom tschugg is nix besonderes dran?
XTR und XT ? und eine Marzochhi 4x mit mindestens 2,1kg
und der rahmen vom fischi wiegt 1700gramm weil er ihn ohne lack fährt tschugg seiner mit lack 1900gramm hab erst mit einem teamfahrer geredet!
Leute lasst ech nicht blenden!
Aus dem Schweizer 4x Zirkus fehlt mir ein David Graf. Der auch für überraschungen gut ist und auch nicht zu den langsamsten gehört.
Fam. Weiss und das Scott 11 Team
Pascal Sedoux??
gruss
Zwei Anmerkungen zu Fort William:
1. Die Disqualifikation von Roger Rinderknecht im letzten Jahr wurde auf dessen Protest hin wieder aufgehoben. Er ist im Finale gestartet.
2. Die Strecke in Fort William wird derzeit umgebaut. Originalkommentar aus dem Newsletter von [email protected]:
Under the watchful eye of Rowan Sorrell, work on the 4X has already started, with fairly major re-modelling, especially at the top section, to create a course that offers more lines, more opportunities for overtaking and a more flowing course.
Mal sehen, ob Jared Graves die Strecke dann immernoch liegt.
Die fehlenden Pedale werden das Gewicht erklaeren ;-)
..sehr Geil..der 4xCrossRahmen von YETI, Namens "DJ"..


schade das Teil z.Zt. nur ein Prototyp ist ?!
..tolle Fotos zum Bericht.
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