Während wir noch dabei sind, unsere Hinterbaukinematik zu optimieren, arbeiten wir weiter daran, den Anforderungen aus dem Lastenheft zu begegnen. Ein dabei ziemlich wichtiger Punkt war neben Effizienz und Gewicht die Wartungsarmut: diese betrifft in Bezug auf einen Mountainbike-Rahmen hauptsächlich seine Lagerung. Wird sie richtig ausgelegt, funktioniert der vollgefederte Rahmen lange reibungsarm, geräuschlos und spielfrei. Wenn dann im Falle eines Falles auch noch Wartung und Ersatz einfach vonstatten gehen und das System nicht unnötig schwer daher kommt, wären wir glücklich. Wir haben uns deshalb mal bei einem Lager-Spezialisten vorgestellt: Der igus GmbH in Köln-Lind.

Was kann man über igus sagen? Die Firma hat seit ihrer Gründung vor vor genau 50 Jahren eine ziemliche Karriere hingelegt. Aus der Garagenfirma wurde inzwischen ein Unternehmen mit 2.400 Mitarbeitern, das letztes Jahr 430 Millionen Euro Umsatz gemacht hat – hauptsächlich mit Gleitlagern und Energieketten (Kabelführungen). Wir haben unser ICB-Projekt dem für den Fahrrad-Markt zuständigen Mitarbeiter, Michael Schmitz, vorgestellt. Michael war sehr angetan von der Idee, einmal früh in die Entwicklung eines Rahmens eingebunden zu werden, damit am Ende keine „Kugellager-Konversion“ entsteht, sondern eine wirklich für die Lager optimierte Konstruktion. Während wir ihm dieses Versprechen nicht ohne Diskussion mit der Community geben wollten, sind wir seiner Einladung zum igus-Firmenstandpunkt in Köln-Lind gern gefolgt.

Hausbesuch igus

Kontakt zu Igus hatten wir bisher in einem anderen Bereich – Igus bietet als Gleitlagerspezialist auch Linearführungen an, die sich in der Video-Community als Kamera-Slider großer Beliebtheit erfreuen – alleine in unserer Redaktion haben wir vier Stück davon. Umso überraschter war ich, als Stefanus mich briefte und wir den Besuch organisierten. Kurz vor Köln konnten wir die markanten igus-Gebäude bereits von der A59 aus sehen – bisher dachte ich immer es wäre eine Art Messehalle – so kann man sich täuschen!

Michael Schmitz (Branchenmanager Zweiradindustrie – fährt MTB und Motorrad) sowie René Achnitz (Leiter Geschäftsbereich iglidur Gleitlager – fährt MTB, zur Zeit allerdings „meistens mit meinem zwei Jungs im Anhänger“) haben uns durch die riesigen Hallen geführt. Hier findest du ein Video, weiter unten Fotoimpressionen vom Besuch.

IGUS Hausbesuch von Thomas – mehr Mountainbike-Videos

igus Zentrale in Köln-Lind - Foto von igus
# igus Zentrale in Köln-Lind – Foto von igus

Bei Igus gibt es kein klassisches Organigramm, sonderne das Igus Sonnensystem, in desen Zentrum der Kunde steht
# Bei Igus gibt es kein klassisches Organigramm, sondern das Igus Sonnensystem, in desen Zentrum der Kunde steht

Michael Schmitz - privat gerne mit Fahrrad und Motorrad unterwegs ist Branchenmanager Zweiradindustrie bei igus
# Michael Schmitz – privat gerne mit Fahrrad und Motorrad unterwegs, ist Branchenmanager Zweiradindustrie bei igus

Pedale, Sattelstützen, Bremsen, Dämpfer, Federgabeln - igus Gleitlager finden jetzt bereits an vielen Stellen am Bike Anwendung
# Pedale, Sattelstützen, Bremsen, Dämpfer, Federgabeln – igus Gleitlager finden jetzt bereits an vielen Teilen der verschiedensten Hersteller am Bike Verwendung

Blick in eine der Hallen. An der Decke befinden sich im gesamten Gebäude Lichtkuppeln
# Blick in eine der Hallen. An der Decke befinden sich im gesamten Gebäude Lichtkuppeln

Blick auf einige der rund 300 Spritzgussmaschinen. Hier werden größere Teile hergestellt
# Blick auf einige der rund 300 Spritzgussmaschinen. Hier werden größere Teile hergestellt

In diesen Maschinen werden sehr kleine Gleitlager gespritzt, wie sie z.B. in deinem Bremshebel verbaut sein könnten
# In diesen Maschinen werden sehr kleine Gleitlager gespritzt, wie sie z.B. in deinem Bremshebel verbaut sein könnten

Gleitlager in verschiedensten Größen, Formen, Materialien und für unterschiedlichste Anwendungsbereiche werden produziert
# Gleitlager in verschiedensten Größen, Formen, Materialien und für unterschiedlichste Anwendungsbereiche werden produziert

Blick in das Testlabor der Energieketten
# Blick in das Testlabor der Energieketten – einges mehr an Impressionen davon findest du unten im Video

Testlabor der Gleitlager: hier werden Schwenkbewegungen durchgeführt
# Testlabor der Gleitlager: hier werden Schwenkbewegungen durchgeführt

Oben wird geschwenkt, unten hängen gewichte an den Gleitlagern. Es kommen unterschiedliche Lager oder Wellen-Materialien zum Einsatz, dem Kunden kann nachher für seine Anwendung das passende Lager empfohlen und die Laufzeit prophezeit werden.
# Oben wird geschwenkt, unten hängen Gewichte an den Gleitlagern. Es kommen unterschiedliche Lager oder Wellen-Materialien zum Einsatz, dem Kunden kann nachher für seine Anwendung das passende Lager empfohlen und die Laufzeit prophezeit werden.

Hier werden Linearbewegungen untersucht (die Metallwelle bewegt sich vor und rückwärts im Lager)
# Hier werden Linearbewegungen untersucht (die Metallwelle bewegt sich vor und rückwärts im Lager)

Links und rechts stehen Spritzgussmaschinen und produzieren Gleitlager
# Links und rechts stehen Spritzgussmaschinen und produzieren Gleitlager

Rund 300 dieser Maschinen stellen Lager und andere Teile her
# Rund 300 dieser Maschinen stellen Lager und andere Teile her

Stefan Stark bekommt die igus® dry-tech® Gleitlager Musterbox gezeigt.
# Stefan Stark bekommt die igus® dry-tech® Gleitlager Musterbox gezeigt.

igus® dry-tech® Gleitlager Musterbox - intern auch Nespresso Box genannt
# igus® dry-tech® Gleitlager Musterbox – intern auch Nespresso Box genannt

Bei jedem Gleitlager ist Bezeichnung, Maximaldruck sowie Höchsttemperatur vermerkt
# Bei jedem Gleitlager ist Bezeichnung, max. empfohlene Flächenpressung sowie obere langzeitige Anwendungstemperatur vermerkt

Das gesamt Gebäude wurde von Architekt Nicholas Grimshaw offen und flexibel gestaltet. Zwischenwände können schnell montiert und demontiert werden. An diesem Platz arbeitet der Geschäftsführer von igus, Frank Blase.
# Das gesamte Gebäude wurde von Architekt Nicholas Grimshaw offen und flexibel gestaltet. Zwischenwände können schnell montiert und demontiert werden. Am hinteren Platz arbeitet der Geschäftsführer von igus, Frank Blase.

Das igus-Gebäude von außen - auch hier sind gut die einzelnen Module zu erkennen
# Das igus-Gebäude von außen – auch hier sind gut die einzelnen Module zu erkennen

p.s es herrscht bei igus zwischen den Bereichen ein kleiner Wettbewerb um die höheren Zugriffszahlen auf der Website – ein paar Extra-Besucher bei der Fahrrad-Sparte wird sicher nichts schaden:

http://www.igus.de/bicycle

Kriegt das ICB 2.0 jetzt auf jeden Fall Gleitlager?

Nicht auf jeden Fall. Unser Konstrukteur Stefan Stark ist von der Idee, einen Lagerspezialisten im Boot zu haben, der mächtig Bock auf die Geschichte hier hat, aber ganz schön angetan. Denn während Lager an Bikes oft ein ziemliches Schattendasein führen, sind wir überzeugt: Die Teile sind absolut elementar, damit Benutzer lange Freude mit ihrem Bike haben. Eine wirklich durchdachte Hinterbau-Lagerung, die lange hält, leicht läuft und wenig wiegt, würde ein starkes Argument für unser ICB darstellen.

Warum aber Gleitlager?

Die etwas verbreiteten Kritikpunkte zum Thema Gleitlager lassen sich glaube ich so beschreiben: „Laufen nicht so leicht wie Kugellager, haben gerne mal Spiel und wenn sie verschmutzen, ist es schnell aus.“ Auf der Habenseite stehen dem gegenüber: „Laufen ungeschmiert und ziehen dadurch keinen Schmutz an, haben einen geringen Bauraum-Bedarf, sind ideal für Schwenkbewegungen geeignet und wiegen wenig.“

Während an allen Argumenten sicherlich etwas wahres ist, heißt für uns einer der vielversprechenden Vorteile: Oversizing. Unser Bike soll leicht, steif und stabil werden – da helfen groß dimensionierte Drehpunkte viel. Das bedeutet aber auch große Lager – und wenn es sich dabei um Wälzlager handelt, dann wird das schnell schwer. Außerdem sehen wir die Möglichkeit, durch die Konstruktion – beispielsweise durch eine besondere Lager-Geometrie – mögliche Toleranzen und damit Spiel irrelevant zu machen. Das große Argument gegen solch eine Ausführung ist die Nicht-Kompatibilität mit Standardteilen und damit die Ersatzteile-Beschaffung. Hier ist für uns denkbar, Ersatzlager beizulegen, oder mit IGUS eine Verfügbarkeitsgarantie zu verhandeln. IGUS hat schon heute über 100.000 Produkte auf Lager, im Webshop werden die Teile binnen 24 h versandt, preislich sollte der Satz Lager für ein Bike auch im Rahmen bleiben.

Fazit

Wir werden nicht um jeden Preis einen Rahmen mit kompletter Gleitlagerung konstruieren. Wir sehen die Vorteile, wir sehen die Herausforderungen, und wir sehen den Support seitens Igus. Michael, Branchenmanager Zweirad-Industrie bei Igus, wird hier im Forum als Spezialist mit in die Diskussionen einsteigen. Wenn wir am Ende sehen, dass an bestimmten Stellen Wälzlager den besseren Job machen – dann kommen da Wälzlager hin. Fest steht: Die Lagerung des neuen Trailbike von Alutech soll eine solide Lösung sein – und deshalb gut durchdacht werden. Die Diskussion ist eröffnet!

Interessant? Hier findest du weitere Hausbesuche und Blicke hinter die Kulissen bei zahlreichen Unternehmen der Bikebranche.




Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    nuts

    dabei seit 11/2004

    Edit sagt: Einteilig is ziemlich schwierig, würde doch ein riesiges Teil.
  2. benutzerbild

    Anzeige

  3. benutzerbild

    lvhdds

    dabei seit 04/2009

    Piktogramm
    Ich glaub du hast mich missverstanden. Selbst mit einem 30mm Stahlbolzen und einer torsionssteifen Verbindung zwischen Kettenstreben und Bolzen bringt diese Torsionssteifigkeit an der Stelle überhaupt nichts. Denn wenn der Bolzen Torsionsbelastung in bedeutendem Umfang sieht heißt das, dass die Steckache, die Sitzstreben und die Strebe zwischen den Kettenstreben bereits eine ENORME Verformung hinter sich haben müssen. Daher der Bolzen spielt seine Torsionssteifigkeit erst aus, wenn der Hinterbau schon großteils zerstört ist. Bringt also überhaupt nichts da eine torsionssteife Verbindung vorzusehen.
    Was die Torsionssteifigkeit der Achse für die Schwingenlagerung angeht, hast Du mit Deinen Ausführungen sicher recht. Allerdings würde eine beidseitige Klemmung auf jeden Fall Vorteile in Sachen Seitensteifigkeit bringen. Hatte ich ja bereits angeregt.

    http://www.mtb-news.de/forum/t/icb-...ilbike-ergebnisse.702511/page-5#post-11999071

    In Kombination mit einer Los-/Festlagerung wäre es eine solide Ausführung. Jetzt sind zwei Schrägkugellager axial gegeneinander verspannt. Wieder mal unnötigerweise eine technisch zweitklassige Lösung aufgrund der undefinierten Axialkräfte.
  4. benutzerbild

    ONE78

    dabei seit 10/2008

    Technisch zweitklassig stimmt aber auch nicht.
    eine angestellte Lagerung ist für mich eigentlich das Optimum für die Aufgabe, wenn, ja wenn man die sauber einstellt (bzw eingestellt bekommt).
    Fertigungstechnisch relativ günstig und spielfrei (ohne teure Lager), steif, robust und wartungsfreundlich.
  5. benutzerbild

    ONE78

    dabei seit 10/2008

    nuts
    Edit sagt: Einteilig is ziemlich schwierig, würde doch ein riesiges Teil.
    Na beim 4gelenker braucht es ja meist auch eine recht massive/voluminöse wippe. Ob nun gefräst oder geschmiedet, egal, aber da eine einteiliges yoke macht imho aus steifigkeits- und passungstechnischen gründen schon Sinn.
  6. benutzerbild

    nuts

    dabei seit 11/2004

    ONE78
    Na beim 4gelenker braucht es ja meist auch eine recht massive/voluminöse wippe. Ob nun gefräst oder geschmiedet, egal, aber da eine einteiliges yoke macht imho aus steifigkeits- und passungstechnischen gründen schon Sinn.
    hast schon recht. Mal sehen was Stefan dazu sagt.

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