Wir haben lange überlegt, wie wir mit dem Tod von Mario “Muschi” Peters umgehen. Es gibt noch einige unveröffentlichte Kolumnen und Mario hätte es nicht gewollt, dass wir die Kolumne einfach einstampfen. So möchten wir seinem Wunsch entsprechen und die noch verbliebenen Kolumnen veröffentlichen. Wir hoffen, dass auch bei euch die Freude beim Lesen der Texte die Trauer überwiegt. Daher wünschen wir euch viel Spaß bei einer weiteren Folge von “Muschi am Mittwoch”.


Ein Zwicken in den Hämorrhoiden verrät ihm: er hat Probleme mit dem Schwierigkeitsgrad. Dabei war alles so einfach. Flow-Trail, da steht es geschrieben schwarz auf weiß, Flow-Trail. Der Sabber sammelt sich in den Mundwinkeln. Bilder von sonnenverwöhnten Hängen mit Mountainbikern als Dekoration, er will dahin. Bloß weg aus dieser grautönigen Winterzeit. 10 Minuten später hat er keine Lust mehr. Wäre er doch besser zu Hause geblieben. Es war ein Fehler in die Kommentare zum Artikel reinzulesen. Dort haut man sich gerade die STS – Singletrailskala um die Ohren.

  • Manche heulen, weil alles viel zu schwer zu fahren ist. Das wird sie aber nicht abhalten dorthin zu fahren und mal eine richtig krasse Linie zu probieren.
  • Die anderen heulen, weil die Einstufungen durch das Gejammere der Erstgenannten verwässert werde.
  • Autoren von Reiseberichten sind so oder so Lügner. Die stufen absichtlich niedriger ein, um mehr Publikum anzulocken.
  • Einige haben sich aufs Maul gelegt, weil da auf einmal eine schwierige Sektion kam. Das wurde  verschwiegen. Das ist doch nicht flowig. Da muss der Trail unbedingt nachgebessert werden.
  • Die nächsten weinen, weil irgendwo genau das passiert ist: es wurde nachgebessert.
  • Einige wenige können nicht lesen oder verstehen, was in der Singletrail-Skala geschrieben steht. Allen zusammen gehört nach einiger Zeit das Aggro-Wasser weggenommen.

Meist fängt das Dilemma mit der Definition eines Singletrails an, denn eine Schwierigkeitsskalen-Gruppierung auf einem Weg anzuwenden, der künstlich für Mountainbiker angelegt wurde, ist nicht im Sinne des Erfinders. Die ursprüngliche Intention war die Bemessung natürlich gewachsener Wege und Pfade. Die Frage der Schwierigkeitsgrade kann Mann oder Frau auch anders beantworten. Was soll den bitte ein S1 Trail sein? Sehen wir uns dafür mal die Definition S1 an:

“Auf einem mit S1 beschriebenen Weg muss man bereits kleinere Hindernisse wie flache Wurzeln und kleine Steine erwarten. Sehr häufig sind vereinzelte Wasserrinnen und Erosionsschäden Grund für den erhöhten Schwierigkeitsgrad, der Untergrund kann teilweise auch nicht verfestigt sein. Das Gefälle beträgt maximal 40% bzw. 22°. Spitzkehren sind nicht zu erwarten. Ab S1 werden fahrtechnische Grundkenntnisse und ständige Aufmerksamkeit benötigt.”

Das oben Beschriebene ist das, womit Mountainbiken anfängt und Trekking aufhört. Wir sprechen hier von einem überall vorhandenen Waldweg unterhalb einer Breite von 2 Metern. Grundlagenkenntnis dafür ist es, dass man in der richtigen Position auf dem Rad sitzen und stehen kann. Da fangen die Probleme auch schon an.

Natürlich hat jeder, der sich ein Mountainbike kauft eine Vorstellung davon, was er damit machen möchte. Es sollte aber zwingend zwischen Wunschdenken und Realität unterschieden werden. Mountainbiken ist anspruchsvoll und gefährlich. Um diesen zwei Attributen ihre Gewichtung zu nehmen, benötigt es einer angemessenen Kleiderordnung, ausreichenden Fahrkenntnissen und der richtigen Einstellung der Komponenten am Rad. Das Fehlen einer dieser Grundvoraussetzungen ist der Gesundheit im Regelfall abträglich.

D75 1271-Bearbeitet
# D75 1271-Bearbeitet

Was die Fahrtechnik betrifft, geht dann oft der Macho mit dem Mann durch. Vermessen wie wir Männer halt so sind, handhaben wir die Einschätzung unserer fahrerischen Möglichkeiten genauso wie die Fähigkeit, jedem technischen Gerät ohne Gebrauchsanleitung Herr zu werden. Einfach mal machen, wird schon gutgehen.

Und dann wird in den Alpen die Wundertüte aufgemacht. Plötzlich ist ein S1-Trail ganz anders als zu Hause im heimischen Mittelgebirge. Ja, jede Landschaft hat so ihre Eigenheiten, da kann aber die STS Skalierung nichts für. Und das ein Trail nach 1000hm Anstieg subjektiv anstrengender ist, liegt auch nicht an der Einstufung. Wenn man dann noch die Höhenluft, das Wetter und die Länge der Trails in Betracht zieht, geht doch schon mal eine objektive Betrachtung des Erlebten verloren. Ausbaden muss es dann das arme Internet. Da wird dann um jeden Stein, Wurzel, Stufe und Spitzkehre gestritten, die eine andere Einstufung ermöglichen. Macht natürlich auch mehr her, den beschriebenen S2 Trail ganz objektiv eine Klasse höher anzusetzen. Oder ganz subtil den Trail herabzustufen, um sein Können in glorreiche Höhen heben zu können.

Frauen haben dann auch noch mit dem Übel Mann zu kämpfen. Da steht er auf dem Trail, sie auch. Er fährt instinktiv risikobereit, motiviert. Sie denkt, denkt, denkt und entscheidet sich für sicher ist sicher. Das ist häufig der Unterschied. Die folgende permanente Animation des Platzhirsches, es doch endlich zu wagen, wirkt auf Frauen dann auch eher demotivierend. Frauen sind meist intuitiv progressiver unterwegs als ihr aggressiveres Gegenstück. Damit ist von vorne herein schon mal Konfliktpotenzial vorhanden, auch ohne Schwierigkeitsgrad.

Dabei ist es doch ganz einfach, sich dem Thema STS- Einteilungen zu nähern. In den meisten technischen Sportarten ist es von Nöten, gewisse Grundlagenkenntnisse zu erlangen, um Herr und Meister über das Sportgerät zu sein. Viel zu wenige Mountainbiker gelangen zu dieser Einsicht. Sonst würden mehr Trailliebhaber die Angebote von Fahrtechniklehrern in Anspruch nehmen, statt sich im einen Streit um eine S1-Schwierigkeit zu verlieren. Denn eins ist spätestens nach zwei Fahrtechnikkursen sicher: Vorausgesetzt, man setzt die erlernten Kenntnisse konsequent um, kann man guten Gewissens auf die Trails Europas bis zur Schwierigkeit S3 entlassen werden.

Oder liegt das Übel in der Idee zur Singletrailskala? War das früher nicht schön, da konnten der Ritter Rost, Don Quichote und Baron Münchhausen ihre Trailerlebnisse in den blumigsten Ausführung einem staunenden Publikum kundtun. Alles aus und vorbei, seitdem sich der vermeintliche Hardcore-Trail als harmloser S2-Trail entpuppt. Jungs, was habt ihr nur getan? Ihr zerstört Geschichten über Mut, Schweiß und Blut, erlebt auf dem perfekten Trail hinter dem Regenbogen der Sehnsüchte!

Think Pink – Eure Muschi

Foto: Tobbi H.

 

Anmerkung: Unser Kolumnist Mario “Muschi” Peters verstarb am 27. März 2018. Die noch unveröffentlichten Folgen seiner Kolumne “Muschi am Mittwoch” werden regelmäßig posthum von der MTB-News.de-Redaktion veröffentlicht. Dies war sein persönlicher Wunsch. Die in den Artikeln vertretenen Ansichten und Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.




  1. benutzerbild

    XT660

    dabei seit 12/2015

    ....schöner Artikel.
    Die Schwierigkeitsgrade der Skala sind aus meiner Sicht sehr gut gewählt und öffnen einem auch die Augen, was man an Fahrtechnik noch zu trainieren hat um den nächsten Level zu erreichen. Dieser Prozess ist leider ein langsamer und trainingsintensiver (da geht es nicht darum, einfach mehr Hausrunden zu fahren...sondern Technik gezielt zu trainieren) der für viele die das Hobby Radfahren ausüben zu „steinig“ und zu zeitintensiv ist.

    Flowtrails (wie auch die Schipisten beim Schifahren) versuchen, dem „Nichtexperten“ ( das sind wahrscheinlich 95% der Ausübenden einer Sportart) maximale Freude bei der Sportart - trotz Technikdefizite-zu ermöglichen. Sehr spaßige Sache!

    In MTB Karten von Tourismusregionen werden zumeist neben dem Flowtrail noch Singeltrails bis S2 beworben. (S2 ist dann schwarz und schwierig)

    Wenn ich mir die Entwicklung der letzten 10 Jahre ansehe, und Videos wie z.B.



    (Chris Akrigg-As it lies)....ansehe, dann vermisse ich aber, dass die Skala erweitert wird...da sind S6 Passagen......


    Ich finde, dass in den letzten Jahren verstärkt auf das gefahrene Tempo auf einfacheren Wegen Wert gelegt wurde (alles wird mit der Stopuhr od. Strava....gemessen und verglichen - Werbung der Radfirmen...Pole usw.), jedoch gerade für die Idee der „Shared Trails“ mit Wanderern, eine Hinwendung zu mehr Technik beim Fahren von schwierigeren Wegen
    (dafür langsamer gefahren) sinnvoller wäre.
  2. benutzerbild

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  3. benutzerbild

    mw.dd

    dabei seit 07/2006

    Yeti666
    Darum
    Es ist ja schön, dass wenigstens Du Deiner Meinung bist.
    Jenseits von "Selbstbeweihräucherung" ist die STS für mich aber das einzige praktikabel Tool, mir unbekannte Wege schnell auf Befahrbarkeit zu beurteilen. Klar geht das auch mit Bildern & Videos, topographischen Karten und Beschreibungen - nur dauert das viel länger.
  4. benutzerbild

    Alpinum

    dabei seit 10/2014

    LB Jörg
    Apropo, da gibt es ja auch die Supertrail Maps. Die sind eigentlich das beste Beispiel wie simpel sowas funktionieren könnte.
    Wer einmal ein Gebiet mit so einer Karte unter die Lupe genommen hat, weiß sofort bis zu welcher Farbe er Spaß hat und welche Traileinfahrten er meiden sollte.

    G.:)
    Genau.
    Und wer das Abenteuer sucht, umgeht eben diese Karten oder sucht sich Wege die in sonst einer Weise (noch) nicht dokumentiert sind.
    roliK
    Gibt mehrere Bikegebiete (Sölden, Reschen, Vinschgau usw.), die die STS als Schwierigkeitsskala nutzen - auch wenn dort manchmal ein wenig übertrieben wird.
    Danke, das beantwortet meine Frage.

    roliK
    Ganz grundsätzlich find ich die Skala schon recht brauchbar, sofern die Einschätzung von Leuten kommt, die auch entsprechendes Gelände befahren können. Das man damit nicht jeden Meter eines Weges beschreiben kann, sollte einleuchten, aber man bekommt schon eine ungefähre Vorstellung von einem Trail, wenn da steht "S2 mit gelegentlichen S3-Stellen".
    Finde die Idee eigentlich auch gut und schön zu erfahren, dass es Regionen gibt, die dies umsetzen.

    mw.dd
    Ich fahre recht oft in verschiedenen Gebieten Mitteleuropas und treffe immer wieder auf die STS bzw. Schwierigkeitsbeschreibungen, die sich an der STS orientieren.
    Auch in der Schweiz?

    mw.dd
    Und nun?
    Ich brauche die Skala nicht, dennoch finde ich solche Entwicklungen interessant und sehe gerne wo sie hinführen.
  5. benutzerbild

    singletrailer67

    dabei seit 03/2004

    H.B.O
    Und was ist das ? eher s2 als s 1oder ?. Eine grobe orientierung gerade auf karten etc. ist schon gut. wirklich verlassen kann man sich sowieso auf nix -auf unbekannten trails muss man eh immer langsam machen und auf überraschungen gefasst sein ( In meinem hinterhof fahr ich wie ein gott ;))
    Keine Ahnung was es ist ist...Muschi war das eh egal und ist alles runter.
    Der hier war auf jeden Fall einer wo fast alle oben stehen geblieben sind und die entspanntere Umfahrung gewählt haben.
    Für mich ist schauen auch immer die sinnvollere Alternative und kurz abwägen ob das klappen könnte oder in einem Seemannsköpper endet.
    Hätte ich oben gesagt es ist S2 dann wären alle runtergebrezelt und hätten sich evtl. wie der Hauptakteur auf dem Titelfoto in die Macchia gelegt.

    S ist für mich nur ein vager Anhaltspunkt, wird von verschiedenen Leuten auch verschieden ausgelegt und verändert sich zumindest bei mir auch je nach Tagesform und aktuellen Cojones inne Buxxe...

    Klar für mich ist nur dass ich größer S3 nicht fahren kann...alles darunter ist IMHO nur durch spontane Einschätzung zu fahren oder auch nicht.
  6. benutzerbild

    q_FTS_p

    dabei seit 02/2011

    XT660
    Ich finde, dass in den letzten Jahren verstärkt auf das gefahrene Tempo auf einfacheren Wegen Wert gelegt wurde (alles wird mit der Stopuhr od. Strava....gemessen und verglichen - Werbung der Radfirmen...Pole usw.), jedoch gerade für die Idee der „Shared Trails“ mit Wanderern, eine Hinwendung zu mehr Technik beim Fahren von schwierigeren Wegen
    (dafür langsamer gefahren) sinnvoller wäre.
    Genau das finde ich auch sehr schade. Bei uns in Ö gibts ja viele MTB-"Strecken" bei denen man einfach eine Forststraße in Serpentinen runterheizt, weil der Wanderweg daneben, der einfach in Fallinie und damit wesentlich größerem Gefälle (=langsameres mögliches Tempo) verläuft, nicht freigegeben ist. Das wurde natürlich unter anderem deswegen so geplant, weil man sich so weniger Konflikte zwischen MTBer und anderen Waldnutzern erwartet, weil die Forststraße immerhin sehr breit ist, nicht so steil und selbst Radfahrer und KFZ nebeneinander fahren könnten. Also geringeres Risiko für alle; so meint man.
    Die Realität sieht halt leider ganz anders aus: Durch den geringen technischen Anspruch der Forststraße fahren viele MTBer sehr schnell. Kommen dann noch unübersichtliche Kurven ins Spiel und wird nicht rechtzeitig auf ein passendes Tempo heruntergebremst (man sollte ja immer stehen bleiben können, sollte in der Kurve eine Gruppe Wanderer stehen, oder der Förster grad mit dem Auto entgegen kommen), kommts ganz gern mal zu Konflikten, oder im blödesten Fall Verletzten. Und wenn ich mir viele Radfahrer anschau wie die da die Forstwegerl runterbrettern, bin ich mir sicher, dass es da früher oder später knallt.
    Außerdem siehts für Wanderer auch blöd aus, wenn da ein MTBer daherkommt und sich stark einschleifen muss. Wirkt immer bedrohlich; gerade wenn man Kinder dabei hat.

    Würde man nun über den anspruchsvolleren Wanderweg fahren dürfen, gäbs viele der Probleme nicht.
    Durch die geringe Geschwindigkeit ist ein Anhalten idR einfacher; unübersichtliche Kurven werden von jedem mit Hirn sowieso so gefahren, dass man rechtzeitig anhalten kann. Gerade auf Wegen, die man nicht kennt, sollte das so sein (ich weiß, ist nicht bei allen der Fall). Ein Kontakt mit Wanderern verläuft fast immer absolut problemlos, weil man sich normalerweise rechtzeitig gegenseitig wahrnimmt. Hier ist allerdings immer der Radler in der Pflicht brenzlige Situationen zu vermeiden.

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