HomeMagazinMenschenGedankenRamsauer definiert den “Kampfradler” – Konzept für Fahrräder in der Stadt fehlt — 10. April 2012 21:33

Ramsauer definiert den “Kampfradler” – Konzept für Fahrräder in der Stadt fehlt

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Alle Jahre kommt sie wieder, die Debatte um “Fahrrad-Rowdies”, “Fahrrad-Rambos” oder jetzt – ganz neu – “Kampfradler” in den armen deutschen Städten. Zuletzt hatte Peter Ramsauer (CSU, Verkehrsminister) uns im vergangenen Oktober mit der “Androhung der Helmpflicht” angesprochen, nun äußert er sich nach Angaben von tagesschau.de zur allgemeinen Verkehrsmoral von uns Fahrradfahreren. Und wie schon im Herbst beruft er sich auch heute auf Statistiken, die gerade mit der Umstellung auf das neue Punktesystem bei Autofahrern mundtot gemacht werden. Doch in seinem Verkehrs-Aktionismus entdeckt Ramsauer nun auch die auf zwei Rädern tretenden Verkehrsteilnehmer neu. Zwar nennt er kein Konzept und äußert auch keine Vision für eine funktionierende Koexistenz von Zwei- und Vierradlern, doch ruft er dazu auf, der “Verrohung dieser Kampfradler endlich Einhalt zu gebieten.”


So wenig Andrang herrscht an deutschen Fahrradständern nur noch selten. Das Fahrrad erobert den städtischen Verkehrsraum. Bild von User Diablo666

Reflexartige Unterstützung erhält Ramsauer dabei tagesschau.de zu Folge von Vertretern der Polizei, die die “generationenübergreifende” Rücksichtslosigkeit von FahrradfahrerInnen anprangern und sich hinter die Forderung nach einer stärkeren Überwachung der Zweiradfahrer stellen.

In ihrem blinden Regulations-Denken übersehen Ramsauer und andere dabei leider konsequent die riesigen Chancen, die Fahrräder und FahrradfahrerInnen für die überfüllten Großstädte bieten können. Auf dem Platz eines einzigen Autos lassen sich nicht nur bequem zehn stehende oder vier fahrende Fahrräder unterbringen. Und im Rückgriff auf eine solide Infrastruktur an Bahnhöfen und anderen Schnittstellen mit dem öffentlichen Nahverkehr könnte einfach und effektiv auch dem öffentlichen Fahrrad-Park-Chaos entgegengewirkt werden. Städt wie beispielsweise Friedrichshafen, aber auch viele andere, zeigen hier, wo’s lang geht. Doch auch sie scheuen noch vor dem Gedanken der Regulierung des öffentlichen Straßenverkehrs zurück. Während in anderen Großstädten (z.B. London –> City-Maut) der von spärlich besetzten Autos verursachte Verkehr zumindest ansatzweise eingegrenzt wird, glänzen die meisten deutschen Städte nach wie vor mit vollkommener Handlungsunfähigkeit, wenn es um diese Thematik geht. Man stelle sich nur vor, was sich aus der Leopold Straße in München machen ließe, wenn in der mitte zwei Tram-Bahn-Spuren verlaufen würden, getrennt von zwei Grünstreifen. Daneben jeweils zwei Fahrradspuren, ein jeweils zwei Meter breiter Fußgängerweg und dann nochmals Grünflächen, bevor die Breite ausgeschöpft ist. Ein Traum, der ohne Autos auskommt und allen abgasfreien Verkehrsteilnehmern mehr Luft zu Atmen, mehr Raum zum Leben und den Anwohnern mehr Lebensqualität schenkt. Doch des Deutschen liebstes Kind,…


Da sag noch einer, dass Fahrrad und Stadt nicht zusammen passen würden. Bild von User Peppie

Fahrradfahrer sind aber auch die deutlich aktiveren und aufmerksameren Verkehrsteilnehmer. In Abwesenheit einer panzerartigen Karosserie (BMW X5, Mercedes ML, Audi Q7,…) und ohne Smartphone vor dem Gesicht oder schreiende Kinder auf der Rückbank sind Fahrradfahrer sich in aller Regel über die sie umgebende Umwelt bewusst und dadurch in der Lage, schneller und sicherer von A nach B zu kommen. Beide Aussagen würden die oben genannten Verkehrsregulierer sich wohl kaum entgegen halten lassen. Doch das Fahrrad ist – auch bei den Verkehrsregeln Folge leistender Fahrweise – häufig einfach schneller. Erfreulicher Weise sind in den letzten Jahren viele Einbahnstraßen für Fahrräder geöffnet worden und über verkehrsberuhigte Bereiche, Schleichwege und den geringen Platzbedarf spielt das Fahrrad überall dort seine Stärken aus, wo es eng und stauig zugeht. Dieser Vorteil rechtfertigt nicht das rücksichtslose Verhalten von einigen Fahrradfahrern (oder Rennradfahrern auf Landstraßen), ist aber doch der Hintergrund für den stetig wachsenden Anteil an Fahrradfahrern in der Stadt. Schließlich steigt keiner auf’s Rad um, nur weil er dort Verkehrsregeln brechen kann. Der Regelverstoß resultiert also keineswegs aus dem Fahrradfahren ansich, sondern aus der Umgebungssituation.

Doch die Verkehrssysteme müssen sich anpassen. Kaum eine Ampelschaltung ist auf schnelle FahrradfahrerInnen eingestellt und diskriminiert die meistens um die 20km/h schnellen ZweiradfahrerInnen durch die Gleichschaltung mit kriechenden Fußgängern. Sie schleichen mit kaum 4km/h durch die Stadt und brauchen selbstverständlich Ihre Zeit, um auch ein bisschen nach dem Umspringen auf “rot” noch die Straße überqueren zu können. Verschlimmert wird diese Thematik noch dadurch, dass kaum einer der Verkehrsplaner berücksichtigt, dass FahrradfahrerInnen durchaus auch bis auf 40km/h beschleunigen können. Nicht nur dieser Umstand zeigt, warum das Fahrrad, das auf dem Fußweg verboten ist, sich – wenn schon auf der Straße – auch die Ampelschaltung teilen sollte. Eine Anpassung in diesem einfach zu steuernden Bereich könnte bereits maßgeblichen Einfluss auf die Anzahl an Rotlicht-Delikten, die von FahrradfahrerInnen begangen werden, haben.

In diese Richtung argumentiert auch Stephan Kühn (Verkehrspolitik-Experte; Die Grünen), der auf www.tagesschau.de die Meinung vertritt, die mangelhafte Infrastruktur sei der Faktor, der die FahrradfahrerInnen zum Problem werden lasse. Ob Verkehrskonzepte für Fahrräder, Ampelschaltungen, Fahrradwege oder der Zustand derselben – es gibt in Deutschland nur wenige Städte, die von sich behaupten können, “fahrradfreundlich” zu sein. Die selbsternannte “Radl-Hauptstadt” München ist es jedenfalls nicht. Aus eigener Erfahrung hat auch hier flächendeckend das Zweirad das Nachsehen und wird mit inkonsequenter Verkehrsführung und Nicht-Berücksichtigung schikaniert. Und während munter Autos über rot fahren, kümmert sich die Polizei in München versteckt hinter den Litfasssäulen am Siegestor lieber um Fahrradfahrer und Fußgänger, die eine zwei kaum befahrene Seitenstraße überqueren. Um drei Uhr morgens. Sicherlich nicht korrekt – aber von beiden Seiten.


Nicht für den Straßenverkehr zugelassen und doch immer häufiger dort anzutreffen. Die hippen Stadträder von heute.

Ein unabdingbares Thema bleibt aus unserer Sicht die Beleuchtung des Fahrrads. Die aktuelle Gesetzgebung, die Stecklichter an Fahrrädern verbietet, erweist der Verbreitung von Beleuchtung an Fahrrädern einen Bärendienst indem sie eine gängige und ausreichende (wenn auch nicht voll zufrieden stellende) Beleuchtung an Fahrrädern verbietet. So wird das Fahren ohne zulässiges Licht noch verstärkt und auch überlegene Leuchtsysteme wie die für Mountainbikes geeigneten Lampen (z.B. Hope, Lupine, MyTinySun,…), die teilweise auch Autos in den Schatten stellen dürfen nicht in den Straßenverkehr. Folglich fahren viele ZweiradfahrerInnen kurze Wege durchaus auch ohne Licht. Dieses Verhalten ist jedoch gefährlich und nicht zu akzeptieren.

Bis wir eine Trendumkehr im Bereich der öffentlichen Verkehrsplanung und -gesetzgebung feststellen dürfen, wird vermutlich noch einiges Wasser die Isar und alle anderen Flüsse hinunterfließen. Während der Trend hin zum Fahrrad nicht nur dank schicken Stadträdern, Pedelecs und anderen eBikes ungebrochen ist und das Stadtrad sich als modernes, nachhaltiges und gesundes Fortbewegungsmittel auch über längere Strecken etabliert, denken die politisch Verantwortlichen lieber weiter in gewohnten und mit Vorurteilen behafteten Schubladen. Sie bedienen weiter reaktionäre Wählerkreise und als non-digitales Wesen hat das Fahrrad auch noch keine Zuwendung der Piraten Partei erhalten. Über kurz oder lang wird sich jedoch auch diesen Kreisen die wahre Bedeutung des Fahrrades offenbaren. Nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Freizeit. Wie positiv sich beispielsweise ein öffentlicher Pumptrack auf das Fahrkönnen und die Fitness der jungen Verkehrsteilnehmer auswirken kann, ist bislang noch nicht erforscht. Unsere Beobachtungen geben jedoch Grund zur Annahme, dass dieses Angebot in jeder Hinsicht positiv zu bewerten ist. Noch sind Pumptracks im öffentlichen Raum eher unseren Nachbarländern ein Begriff (z.B. Schweiz oder Luxemburg) doch die ein oder andere Stadtverwaltung scheint schon die Ohren zu öffnen und ein kleines Budget sinnvoll investieren zu wollen.

Unsere Aufgabe in diesem immer wiederkehrenden Spiel ist es nicht nur, uns vorbildlich zu verhalten, sondern auch zu diskutieren, wie Fahrradfahren in der Stadt sicher, schnell und vernünftig geregelt funktionieren kann. Welche Ideen schweben euch vor? Welche Verkehrsteilnehmer fallen euch am häufigsten mit ihrem Fehlverhalten auf? Und warum verlaufen Fahrradwege eigentlich so gerne in den Bereichen, die Fußgänger ebenso für sich beanspruchen wie aufschwingende Autotüren? Die Statistiker scheinen es uns nicht leicht machen zu wollen,…


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