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Teamfahrer und EWS-Teilnehmer Alex mit den Gründern Jordan und Tim im Skype-Interview
Teamfahrer und EWS-Teilnehmer Alex mit den Gründern Jordan und Tim im Skype-Interview
Das Erstlingswerk: Sick Bicycles Gnarcissist
Das Erstlingswerk: Sick Bicycles Gnarcissist - die Geometrie fällt auch unter heutigen Gesichtspunkten durchaus “extrem” aus.
Das Gnarcissist
Das Gnarcissist - flaches, laufruhiges, handgemachtes, stählernes Superbike. Soll so schnell bergauf fahren wie runter, kompatibel mit 27,5"+ oder 29". “Straight up gnar!”
Mit Liebe aus Großbritannien …
Mit Liebe aus Großbritannien …
Sick Heathen
Sick Heathen
Bei Sick Heathen kommen unter anderem 3D Druck-Verfahren zum Einsatz.
Bei Sick Heathen kommen unter anderem 3D Druck-Verfahren zum Einsatz.
Schwer unterhaltsam
Schwer unterhaltsam - egal ob der Feed oder die Liveschaltungen – für Bikenerds ist der Instagram-Kanal von Sick Bicycles ein Muss.
Wenn es mit der Kickstarter-Kampagne nicht klappt …
Wenn es mit der Kickstarter-Kampagne nicht klappt … - um das Bike-Projekt weiter zu finanzieren, stehen die Jungs auch schonmal an der Siebdruckmaschine.
Tim und Jordan
Tim und Jordan - die beiden Gründer von Sick Bicycles

Tim und Jordan von Sick Bicycles, zwei bärtige, tätowierte Langhaarzottel, stampften zu Beginn des Jahres eine Bikemarke aus dem Boden: Sick Bicycle Co. Trotz Rückschlägen, wie einer gescheiterten Kickstarter-Kampagne und unvereinbaren Ansichten zur Nachhaltigkeit in der Carbon-Fertigung bei einem weiteren Prototyp, brachten sie dennoch zeitnah ihr 29″ Stahlhardtail mit Downhill-Geometrie auf den Markt. Finanziert haben sie das Ganze unter anderem über ihre eigene Klamottenmarke. Als Testlabor diente da auch schonmal der EWS-Stopp auf Madeira. Da die beiden sich einfach nicht aufhalten lassen, entwickeln sie jetzt ihr 29″ Stahl-Gearbox-Bike. Wir haben uns mit ihnen über ihre Ansichten und Projekte unterhalten – und warum sie nicht erfolgreich werden.

Teamfahrer und EWS-Teilnehmer Alex mit den Gründern Jordan und Tim im Skype-Interview
# Teamfahrer und EWS-Teilnehmer Alex mit den Gründern Jordan und Tim im Skype-Interview

MTB-News.de: Wer ist Sick?

“It’s not a brand. It’s a statement. It’s not a business, it’s a movement. It might not be for you, because it was made for us. Sick”

Sick Bicycles: Tim (Timothy David Allen) und ich (Jordan Childs) haben Sick im Januar 2017 gegründet. Aber alleine hätten wir das nie hinbekommen – es gibt noch eine ganze Menge Leute im Hintergrund, die uns halfen und nach wie vor unterstützen. Aktuell haben wir beide noch richtige Jobs – Jordan arbeitet in einem Energieunternehmen und ich betreibe einen Tattoo-Shop. Keiner von uns hat ein Maschinenbau-Studium oder sowas in der Art – echte Quereinsteiger also. Wir sind einfach Bike-verrückte Freunde, die Bock haben, ihre Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. In der Vergangenheit haben wir beide schon immer getüftelt, geschweißt, Sachen gebaut oder an Rennwagen herumgebastelt. Etwas zu entwerfen und zu realisieren, scheint uns irgendwie zu liegen. Jordan hat früher eine Zeit lang Carbon-Teile für die Formel 1 entworfen und schon früh daran gedacht, Bikes zu entwerfen.

Let’s do this. Rad bike companies don’t just appear on their own.

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Was hat euch motiviert, eine Bikemarke hochzuziehen?

Wir stellten in unseren 30ern fest, dass wir langsam fett und gemütlich wurden. Also starteten wir mit Crossrunning, machten bei ein paar Warrior-Runs mit und bauten eine solide Kondition auf. Im Gelände dachten wir öfters: “Wie geil wäre das jetzt, hier mit ‘nem Mountainbike zu fahren.” Kurze Zeit später hatten wir beide wieder Mountainbikes und heizten über Trails. Leichtgewichte sind wir immer noch nicht, darum brauchen wir Fahrräder, die was aushalten. Früher waren das oft Transition-Bikes, aber in Summe hatten wir in zwei Jahren zirka 10 verschiedene Räder unter dem Hintern. Als Tüftler hast du natürlich immer irgendwelche Ideen, um die Geometrie zu verändern und das Fahrverhalten für dich anzupassen. Irgendwann entstanden daraus konkrete Pläne und plötzlich waren wir Sick.

A Gnar is born. We are proud to introduce… the #gnarcissist – Super long, super slack, goddamned low, woodland assault vehicle. 29 & 27.5+ compatible. OS Reynolds 853 DBZ. Interchangeable dropout system allows flexible gearing solutions. Made for anyone who has that special kinda crazy and likes to go fast and big. This project was made possible by the excellent folks @downlandcycles who possess a unique blend of patience, skill and problem solving! 🤘⚡ Web: Sickbikes.co Email: [email protected] #sickbicycleco #enduro #dh #gnar #cycling #freeride #mtb #downhill #shredder #reynolds853 #brazing #sickstarter #namaslay #reynolds #steelisreal #bikestable #kickstarter #leadersofthenewschool #thegeometryaffair #enduro #soenduro #superenduro

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Rahmenbau, Geometrie, Kinematik … woher wusstet ihr, wie ihr das angehen müsst?

Die meisten Firmen sind bei Veränderungen zurückhaltend, um den Markt der Gewohnheitsfahrer nicht zu verschrecken und sichere Verkaufszahlen zu haben.

Deine größten Stärken nützen dir einen Scheißdreck, wenn du deine Schwächen nicht kennst. Wir hatten nie Angst zu versagen und hatten genaue Pläne, wie unsere Bikes aussehen sollten. Doch vom Rahmenbau wussten wir zu Beginn nur die Hälfte.
Bryan hat mit Downland Cycles in der Nähe von Canterbury, GB, eine exzellente Schule für Rahmenbau. Er ist ein Meister seines Fachs und kann sein Wissen sehr gut vermitteln. Bryan zeigte uns, wie man Bikes baut und wir konnten ihn von unseren Ideen überzeugen. Natürlich wollten wir direkt ein Fully für uns bauen. Er schlug vor, erstmal die Extrem-Maße an einem Hardtail zu testen und ließ uns zum Üben einen Testrahmen bauen.

Eine Woche später lud er uns ein, um “letzte Details zu klären”. Stattdessen präsentierte uns Bryan den ersten Sick-Prototyp – das 29″ Stahlhardtail Gnarcissist, entstanden aus dem Rahmensatz, den wir zum Lernen gebaut hatten. Wir schweißten also unseren ersten Prototyp, ohne es zu wissen. Weitere hilfreiche Tipps kamen von befreundeten Bikefirmen oder Spezialisten, wie Production Privee, Ali (Fat Creations) und David Earle (hat für Santa Cruz gearbeitet, Anm. d. R.). Die Leute haben jahrzehntelange Erfahrung und waren sich nicht zu schade, uns Rookies bei unseren wahnsinnigen Plänen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dafür sind wir heute noch dankbar.

Das Erstlingswerk: Sick Bicycles Gnarcissist
# Das Erstlingswerk: Sick Bicycles Gnarcissist - die Geometrie fällt auch unter heutigen Gesichtspunkten durchaus “extrem” aus.

Wie entsteht ein Bike von Sick?

Eine Woche später lud er uns ein, um “letzte Details zu klären”. Stattdessen präsentierte uns Bryan den ersten Sick-Prototyp – das 29″ Stahlhardtail Gnarcissist.

Wir zwei entwerfen Rahmen und Geometrie. Bei speziellen Fragen, wie zum Beispiel zu Kinematiken, besprechen wir uns mit befreundeten Spezialisten wie Lee. Aber erstmal sitzen wir abends zusammen, spinnen rum und sammeln Ideen zu Bikes, die wir gern fahren würden. Während dem Rahmenbau-Kurs haben wir Bryan mit unseren Ideen angesteckt und sind wirklich froh, dass er die Produktion unserer Stahlrahmen übernimmt. Alle Sick-Stahlrahmen werden aktuell in England bei Downland Cycles handgefertigt. Titan-Rahmen kommen aus China und Taiwan. Unsere Lieferkette ist sorgfältig danach ausgewählt, die Umweltbelastung und den Ausschuss so gering wie möglich zu halten. Bei jedem Rahmen und Merch-Produkt, das wir verkaufen, können wir garantieren, dass in sicherer Umgebung, unter menschlichen Bedingungen und mit größtmöglicher Nachhaltigkeit produziert wurde. Das ist unsere Firmenphilosophie!

Welche Bikes habt ihr in eurem Portfolio?

Zuallererst gibt es natürlich weiterhin das Gnarcissist: Ein 29″ Hardtail aus Stahl mit Downhill-Geo, langen Kettenstreben und langem Radstand – für Schwerkraft-orientiertes Biken auf anspruchsvollen Trails. Momentan ist es aufgrund der hohen Nachfrage ausverkauft. Anfang 2018 wird es wieder zu den Drop Dates verfügbar sein. Ab Januar 2018 kommen zwei weitere Rahmen dazu: Das Hacksawsurgeon, ein Hardtail aus Titan mit kurzen Kettenstreben, kürzerem Reach und bereit für einen Gates Carbon-Riemenantrieb – ideal für Street-Fahren und verspieltes Tricksen. Außerdem das Grizzly Wolf, auch ein Titan-Hardtail mit 27,5″ Laufrädern und 150 mm Federgabel. Es ist etwas laufruhiger als das Hacksaw, aber nicht so brachial wie das Gnarcissist. Ein idealer Allrounder zum Einsteigen.

Bei der EWS auf Madeira ging euer Teamfahrer mit einem Hardtail an den Start …

Ja, das war heftig! Unser Testfahrer Alex ist das Gnarcissist dieses Jahr bei der EWS auf Madeira gefahren. Sogar auf Flatpedals mit den längsten und schärfsten Pins, die er finden konnte. Außer dem Rahmen hat allerdings nicht viel überlebt: Die Sattelstütze hat den Dienst quittiert, die Bremse ist auseinander geflogen, zwei Procore-Schläuche wurden punktiert – es war wirklich eine Materialschlacht. Alex testet unsere Räder im roten Bereich. Wenn der Rahmen unter ihm ein EWS-Rennen übersteht, dann kann man das als absoluten Härtetest bezeichnen – besser als jedes Testlabor. Der gleiche Rahmen läuft aktuell immer noch als Demo-Bike in einem Bikeshop, damit es die Leute misshandeln können. Und bisher hat es noch niemand kaputt bekommen. Geh hin, probier dein Glück.

Das Gnarcissist
# Das Gnarcissist - flaches, laufruhiges, handgemachtes, stählernes Superbike. Soll so schnell bergauf fahren wie runter, kompatibel mit 27,5"+ oder 29". “Straight up gnar!”
Mit Liebe aus Großbritannien …
# Mit Liebe aus Großbritannien …

Euer Stahlrahmen ist auf dem Papier flacher, tiefer und länger als die Konkurrenz. Kritiker würden es unhandlich nennen. Wie überzeugt ihr die Leute da draußen, trotzdem euer Bike zu kaufen?

Gar nicht. Wenn es dir nicht gefällt, dann kauf es nicht. Man sollte niemanden überzeugen, etwas zu kaufen, das er nicht möchte. Würde ich nicht mal versuchen. Auf Instagram hat neulich einer nach kürzeren Kettenstreben und interner Kabelführung gefragt, weil BTR es auch so macht. Dann nimm das BTR – es ist ein klasse Fahrrad. Wenn es dir gefällt, solltest du es verdammt nochmal kaufen.

Für uns ist es wichtig, dass der Fahrer “im Rad sitzt”, den Uphill überlebt und beim Downhill eine fantastische Zeit hat. Dazu brauchst du einen vernünftigen Radstand, genügend Reach zum Arbeiten und eine Kettenstrebenlänge, die den Fahrer zwischen den Achsen ausbalanciert. Diese Werte wachsen mit jeder Rahmengröße, immer kombiniert mit einem steilen Sitzwinkel. Das werden wir auch nicht ändern. Unsere Räder kannst du nicht auf dem Parkplatz testen. Du musst ins Gelände und dich an die extreme Geometrie gewöhnen. Dafür wirst du bei entsprechender Fahrweise mit einer unglaublichen Stabilität belohnt, für die du morgen noch dankbar sein wirst.

Sick Team-Fahrer Josh Morris in Aktion von GrinsekaterMehr Mountainbike-Videos

Wenn lange Bikes mit großem Reach die Zukunft sind, warum trauen sich bisher nur eine Handvoll Hersteller an so radikale Geometrieveränderungen?

“Bei jedem Rahmen und Merch-Produkt, das wir verkaufen, können wir garantieren, dass in sicherer Umgebung, unter menschlichen Bedingungen und mit größtmöglicher Nachhaltigkeit produziert wurde. Das ist unsere Firmenphilosophie.”

Weil der Markt von millionenschweren Marketing-Kampagnen beeinflusst wird und Kunden aus Gewohnheit kaufen. Eine radikale Umstellung von Rahmen-Geometrien bedeutet hohe Kosten für neue Rahmenlehren und Carbonformen, die über Jahre durch die Verkäufe refinanziert werden müssen. Das ist auch für große Hersteller ein großes Risiko.

Überleg mal, wie viele Bikes Specialized oder Trek von einem Modell herstellen. Wenn das dann plötzlich keiner mehr kauft, weil die Kunden von der Geometrie abgeschreckt sind, bleiben die auf einer großen Zahl Bikes sitzen. Sowas kann sich auch ein Big-Player nicht leisten. Darum sind die meisten Firmen bei Veränderungen zurückhaltend, um den Markt der Gewohnheitsfahrer nicht zu verschrecken und sichere Verkaufszahlen zu haben. Doch zum Glück kann man sich als Teil der Evolution noch selbstständig weiterentwickeln. Auch wir haben damals nur widerwillig diese neuen Federgabeln und verstellbare Sattelstützen probiert – heute fährt fast keiner mehr ohne. Allerdings haben wir früher im Netz keine Hasstiraden über die Sinnlosigkeit von verstellbaren Sattelstützen gepostet. Heute gibt es neben treuen Fans immer auch ein paar eingefleischte Hater, die unsere Bikes schlecht schreiben. Vielleicht sollten die Luschen einfach mal eins unserer Räder artgerecht bewegen, bevor sie sich das Maul über ein paar Zahlen zerreißen.

In der Vergangenheit gab es Berichte über euren Titan-Carbon Enduro-Rahmen. Seit einer Weile ist es um das Projekt still geworden. Was ist passiert?

“Wir halten wirklich gar nichts davon, unausgereifte Produkte auf den Markt zu werfen und den Kunden als Beta-Tester zu missbrauchen”

Vom Have Blue träumten wir schon ewig: der Hauptrahmen aus Titan, der Hinterbau aus Carbon – eine fantastische Formsprache. Beim ersten Anblick waren wir aufgeregt wie vor dem 1. Date. Titan dämpft die Vibrationen auf dem Trail, Carbon erhöht die Steifigkeit des Hinterbaus – es war traumhaft zu fahren. In der Testphase haben wir uns allerdings dazu entschieden, das Projekt einzustellen. Der Carbon-Hinterbau war im Fahrbetrieb zu laut und vor allem nicht nachhaltig. Während der Auswahl unserer Lieferkette konnten wir hinter die Kulissen der Carbon-Fertigung in Asien blicken und waren schockiert. Berge von Carbon-Ausschuss, ungesunde Arbeitsbedingungen, keine Recyclingfähigkeit – sozusagen Sondermüll für Spaßzwecke.

Wenn du die volle Kontrolle über ein Projekt hast, musst du auch alle Entscheidungen rechtfertigen können. Als wir erkannten, wie schlecht mit dem Rahmenmaterial Carbon umgegangen wird, mussten wir abbrechen – ohne jede Diskussion. Unser Carbon-Produzent hielt uns für verrückt, erinnerte uns daran, dass wir dadurch unser bisher investiertes Geld sinnlos verbrennen. Na und? Der finanzielle Verlust ist nichts im Vergleich zum Schaden an der Umwelt und den Trails, die wir unseren Kindern hinterlassen. Wo willst du dein Rad fahren, wenn die Natur zerstört ist? Es hat wehgetan, das Projekt abzubrechen. Aber vielleicht kommt das Bike nochmal mit einem anderen Hinterbau raus …

You know man, this is all probably going to be dumped in the sea, that’s what sea fill is. Remember that phrase. What I do know is these are QC failures from inspection at a factory. I don’t know the origin of the photo. Now, I have a background in Quality Control and Assurance (mostly ISO 9001:2008 and Lean Manufacturing / Toyota Method) so specifically, my job was waste control through continuous improvement. You’ll be glad they got rejected because they were dangerous, but this amazing amount of waste is not uncommon at all. The bicycle industry has pretty dirty hands in general; this is true of every industry though. We can choose to bury our heads and say ‘not my problem’ or, you can make it your problem. Do we have to end the practices now? No. Do we need to let brands know we are aware and we are not happy. Yes. Are metals clean? No. Mining is an environmental trainwreck too, but at least metals get a second chance through recycling. Tyres and cotton? That’s another long story. Let’s do one thing at a time, and it’s time we begun to take accountability, but more than anything, a lot of people making a lot of small changes. @intend_bc have made some great packaging choices; we’ll be taking their lead on this. #treesoversteez – Thanks to @wakidesigns & @mud_and_no_makeup for steering me in to writing this today, but doing something tomorrow. – Jordan

A post shared by Sick! Bicycle Co. (@sickbicycles) on

Carbon wird man also nicht so bald bei euch finden. Dafür haben wir auf eurem Instagram-Account frische Entwürfe entdeckt: Ein Stahlrahmen mit Pinion-Getriebe, 29″ Laufrädern und dem Federweg eines Downhillbikes. Was könnt ihr uns dazu sagen?

“Als wir erkannten, wie schlecht mit dem Rahmenmaterial Carbon umgegangen wird, mussten wir abbrechen – ohne jede Diskussion.”

Spätabends hatten wir die Idee eines Downhillers aus Stahl, der sich trotzdem noch bergauf bewegen lässt und auf unseren eher etwas flachen Trails funktioniert. Eine Stunde später hatten wir die erste Zeichnung vom Heathen: ein Stahlrahmen mit Pinion-Getriebe, zwei Ketten mit Umlenkrolle, 29″ Laufrädern und 200 mm Hinterbau auf Eingelenker-Basis. Wir sind nicht die größten Fahrtechniker und halten gern mal drauf. Fehler oder Probleme gleichen wir mit zusätzlichem Federweg einfach wieder aus. Die Geometrie ist an unser erfolgreiches 29″ Hardtail Gnarcissist angelehnt, nur mit tieferem Schwerpunkt. Besonders vom Pinion-Getriebe sind wir begeistert. Es funktioniert einwandfrei, ist robust, verhältnismäßig günstig und vor allem jederzeit verfügbar. Es wird jedoch auch eine Version mit regulärem Antrieb geben.

Sick Heathen
# Sick Heathen

Was macht man mit einem 29″ Stahl-Downhiller mit Getriebe und steilem Sitzwinkel?

Einfach alles! Du kannst damit Trailtouren machen, in den Park gehen, bei Downhillrennen mitfahren und wenn du gut genug bist sogar gewinnen. Das ist unser Ansatz für das Sick Heathen, es ist ein “one for all”-Bike. Robuster als ein Trailbike und leichter als ein Downhiller – damit ist alles abgedeckt, was wir selbst damit anstellen wollen. Unser Anforderungskatalog für das Bikes sieht folgendermaßen aus:

  • Haltbarkeit
  • Geringer Wartungsaufwand
  • Spaß beim Fahren
  • Jeder soll es fahren können – egal wie gut oder schlecht die Fahrtechnik ist
  • Sinnvolle Gewichtsverteilung
  • Fokus auf die Abfahrt, aber es soll pedalierbar bleiben, um auch ohne Lift auf den Berg zu kommen
  • Herstellung in GB
  • Einfach durchführbarer Service mit Standardmaßen und -teilen
  • So zukunftssicher (was Anbaustandards angeht) wie möglich

Eckdaten zum Bike:

  • Rahmenmaterial: Reynolds 853 Stahl, 6061-T6 Aluminium und Inconel
  • Federweg: 180 bis 200 mm
  • Antrieb: Pinion Gearbox mit 9 beziehungsweise 18 Gängen
  • Laufradgröße: 27,5″+ oder 29″

The Heathen von GrinsekaterMehr Mountainbike-Videos

Bei der Fertigung verlassen wir uns auf lokale Firmen aus Großbritannien – das geht von additivem 3D Druck über Erodieren bis zu verschiedensten weiteren Verfahren. Ziel ist es aber, am Ende ein Bike zu bauen, das preislich nicht vollkommen durch die Decke geht und stabil ist – und für uns soll am Ende trotzdem auch noch etwas hängen bleibt. Wir stecken lieber mehr Zeit in die Entwicklung, damit wir nicht in einer zweiten Version gleich wieder alles über den Haufen werfen müssen.

Bei Sick Heathen kommen unter anderem 3D Druck-Verfahren zum Einsatz.
# Bei Sick Heathen kommen unter anderem 3D Druck-Verfahren zum Einsatz.

Wann kommt das Heathen denn auf den Markt?

Ganz einfach: Wenn es fertig ist und wir zufrieden sind! Keine Sekunde früher. Sick steht für volle Transparenz. Sobald wir irgendwelche Zeichnungen, Neuigkeiten oder Releasedates haben, geben wir sie an unsere Fans weiter. Generell arbeiten wir gerne schnell und impulsiv. Im Dezember 2017 gehen die ersten Prototypen in den 3D Druck, im Frühjahr 2018 wird ausgiebig getestet. Nicht nur wir sind auf den Prototyp gespannt – auch verschiedene Magazine haben sich schon für eine Probefahrt angemeldet (Anm. der Red.: wir auch!). Momentan suchen wir noch einen Spezialisten, der uns hilft, den Anlauf und die Produktionsphase effektiver durchzuziehen. Erst wenn wir vollständig mit dem Bike zufrieden sind, geht es in den Verkauf. Wir halten wirklich gar nichts davon, unausgereifte Produkte auf den Markt zu werfen und den Kunden als Beta-Tester zu missbrauchen. Das Bike soll mehr oder minder ein Bikerleben lang halten.

Für den Vertrieb eurer Bikes benutzt ihr sogenannte Drop Dates – wie funktioniert das?

Das System kommt aus der Streetwear-Industrie, wir haben es für uns angepasst. Jeden ersten Freitag im Monat kannst du um 11:00 Uhr eine Charge Sick Bikes in unserem Webshop kaufen. Die Pakete gehen noch am selben Tag raus. Sieben Tage davor sind Bilder und Details zu Geometrie, Rahmengröße, Farbe und Optionen auf unserer Homepage zum Checken. So können wir unsere Produktion realistisch einteilen, Stress minimieren und geben unseren Kunden eine faire Chance, ohne lange Wartezeit ein Sick Bike zu bekommen.

Eure Methoden sind ungewöhnlich offen, ungeschminkt und direkt. Wie reagiert der Markt darauf?

“Wir wünschen uns von der Bikebranche einen besseren Umgang mit Rohstoffen, ein Bewusstsein ihrer Vorbildfunktion und eine aktive Vermeidung von unnötigem Verpackungsmaterial.”

Da draußen gibt es eine Menge Leute, die ständig auf irgendwas herum hacken müssen, obwohl es ihnen eigentlich vollkommen egal sein kann. Um zu testen, wie die Leute auf Boost / Non-Boost reagieren, haben wir zum Beispiel zwei Presse-Erklärungen zu den neuen Rädern an verschiedene Online-Plattformen verschickt. In einer hatte unser Bike einen Boost-Hinterbau, in der anderen kündigten wir das alte 142 x 12 mm Achsmaß an. Auf beide Presse-Erklärungen folgte gleichermaßen Kritik: Die einen wollten unbedingt den alten Achsstandard halten, die anderen beschwerten sich über fehlendes Boost – eine wilde Netz-Streiterei brach los. Das ist doch komplett bescheuert! Radfahren sollte Spaß machen und dir eine Auszeit vom Alltag geben. Viele Menschen wollen sich aber lieber über Achsstandards streiten, anstatt einfach fahren zu gehen. Für uns ist das nicht nachvollziehbar. Wir ticken da anders.

Auf Instagram habt ihr in 12 Monaten über 12.000 Follower generiert. Wie lautet euer Erfolgsrezept für Social Media?

Die sozialen Medien sind kein blindes Topfschlagen, bei dem du ohne weiteres erfolgreich wirst und bleibst. Deine Inhalte müssen authentisch und relevant sein, um dauerhaft geschätzt zu werden. Viele Instagram-Seiten posten zum Beispiel 10 verschiedene Downhillbikes und fragen, welches man ausprobieren will. Sofort kommen 100 neue Follower, aber halt alles dreizehnjährige Fanboys, die über das Specialized sabbern. Und in zwei Stunden wollen die doch wieder eine Motocross-Maschine, weil das dann cooler ist. So pflegt man keine loyale Fangemeinde oder potenzielle Kunden, mit denen du in Kontakt stehen und Geschäfte machen möchtest. Echte Charaktere wollen echtes Material. So jemand riecht, wenn er verarscht wird.

Schwer unterhaltsam
# Schwer unterhaltsam - egal ob der Feed oder die Liveschaltungen – für Bikenerds ist der Instagram-Kanal von Sick Bicycles ein Muss.

Die Fundraising-Kampagne für euer erstes Bike ist damals gescheitert, eure Pläne zum Titan-Carbon-Rahmen sind eingestellt. Wie geht ihr mit Rückschlägen um? Was motiviert euch, trotzdem weiter zu machen?

Bestimmt hundertmal hat man uns gesagt, dass wir im Markt scheitern werden. Bei was scheitern? Uns ging es immer darum, Bikes nach unseren Vorstellungen zu bauen und sie dann auch zu fahren. Jetzt haben wir die Räder und können damit Spaß haben. Alles darüber hinaus ist für uns ein Bonus. Natürlich brauchen wir Geld, um Rahmen zu produzieren, aber Profit ist nicht unser primäres Ziel. Wenn ein großer Hersteller bei einem Modell etwas riskiert und es deswegen nicht los bekommt, kann das schlimmstenfalls seine Existenz bedrohen. Sollten sich unsere Bikes nicht verkaufen, verlieren wir ein paar tausend Pfund. Das wäre bitter und nicht nur für unsere Egos ein Tritt in die Eier. Trotzdem hätten wir in dem Fall noch ein Zuhause, Jobs und ein paar geile Räder. Das Risiko unseres Einsatzes ist überschaubar, wir können beide gut damit leben.

Zwei Dinge motivieren uns, immer weiterzumachen: Wenn eines unserer neuen Bikes fertig montiert vor uns steht und mit Leuten darüber zu reden. Wir lieben es, mit Menschen zu reden, die sich ernsthaft für das interessieren, was wir tun. Leute, die genauso davon begeistert sind wie wir. Das gibt Kraft und Energie, nach vorne zu schauen und immer wieder neue Projekte zu starten.

Wie kalkuliert ihr euer Business – Pi mal Daumen oder knallharte Betriebswirtschaft?

Auf Instagram hat uns vor kurzem jemand gefragt, wie wir Geld verdienen wollen, wenn unsere Merchandise-Produkte so günstig sind. Er war anscheinend ernsthaft besorgt, dass wir pleitegehen, weil wir nicht genügend verdienen. Danke für die Empathie, aber unsere Kalkulationen funktionieren nach einem ganz simplen Prinzip: Auf unsere Herstellungskosten addieren wir einen definierten Prozentsatz. Den gleichen Prozentsatz schlagen wir auf alle Produkte auf, die wir verkaufen. Bei uns gibt es keine Fake-Aktionen, wie einen Black Friday oder ähnlichen Schwachsinn. Nicht weil wir selbstlos oder naiv, sondern einfach zu faul sind, um uns mit so sinnfreien Marketingstunts herum zuschlagen. Ein fester Preis, keine Marketing-Spielchen – wir haben besseres zu tun, als unsere Zeit damit zu verschwenden.

Wenn es mit der Kickstarter-Kampagne nicht klappt …
# Wenn es mit der Kickstarter-Kampagne nicht klappt … - um das Bike-Projekt weiter zu finanzieren, stehen die Jungs auch schonmal an der Siebdruckmaschine.

Angenommen eure radikalen Ideen finden einen großen Markt und die Verkaufszahlen explodieren. Wird euch der Erfolg verändern?

Erfolg? Du meinst, das große Geld machen, stinkreich und unglücklich werden? Sowas wird uns nicht passieren – wir haben Pläne ausgearbeitet, um erfolglos zu bleiben. Im Kundenservice sind wir unprofessionell und sabotieren uns selbst, wo wir nur können. Am besten bringen wir einen Downhiller mit 20″ Rädern und 240 mm Federweg raus – wie die alten Rampage-Bikes, nur mit winzigen Rädern … und natürlich Slicks. (lacht)

Nein, ernsthaft: Wir sind zufrieden, wenn wir weniger arbeiten und mehr fahren können. Wenn wir immer noch Bikes entwerfen, aber nicht mehr jeden Schritt komplett selbst machen müssen. Unser Ziel war es mal, vom Gewinn der Verkäufe nach Whistler zu fahren. Hast du das Video “Fast as f#ck” von diesen Typen in Whistler gesehen? Teilweise uralte Downhillbikes, ohne Antrieb mit BMX-Lenker und ‘nem Lenkwinkel wie ein Rennrad. Damit springen die Jungs über alles, was nicht weglaufen kann und feiern sich dabei selbst. Weil sie Spaß haben und keiner ihnen sagt, dass man so nicht Spaß haben darf. Das ist für uns echter Erfolg.

Werft doch mal für uns einen Blick in die Glaskugel. Habt ihr für 2018 noch weitere Bikes geplant oder ist es jetzt erstmal genug?

Wir entwickeln ständig irgendwelche Pläne für neue Bikes und haben nicht vor, das Tempo raus zunehmen. Momentan konzentrieren wir uns auf die Stahl- und Titan-Hardtails sowie das Heathen. Weitere Fullies und ein mögliches Revival alter Projekte sind aber schon in der Planung. Auf Instagram kann man unsere Ideen und Projekte mitverfolgen. Dort sind auch regelmäßig Livesessions, bei denen wir auf Fragen antworten.

Bike-Industrie 2020: Welche Veränderung würdet ihr begrüßen?

Die Presse legt uns gerne eine Rebellion gegen die Bike-Industrie in den Mund, mit dem Ziel der Zerstörung. (lacht) Tatsächlich lautet der Plan:

  1. Leben und leben lassen
  2. Kleine Dinge verändern, um große Dinge zu bewirken

Wir wünschen uns von der Bikebranche einen besseren Umgang mit Rohstoffen, ein Bewusstsein ihrer Vorbildfunktion und eine aktive Vermeidung von unnötigem Verpackungsmaterial. Wenn ein Händler zum Beispiel in seinem Laden ein Bike mit Shimano-Produkten aufbaut, bekommt er zu Kette, Schaltwerk, Kassette und Kurbel jeweils einzelne Verpackungen und Bedienungsanleitungen. Der Händler brauch doch keine hübsche Verpackung und Texte in 17 Sprachen – er reißt das Zeug einfach auf und schmeißt es direkt weg. Anleitungen kann man auch online verfügbar machen. Pro Rad wäre das fast eine halbe Mülltonne, die man sich sparen kann. Das hilft dem Hersteller, den Kunden und der Umwelt. Warum eigentlich nicht? Den Umgang mit Carbon muss jeder Hersteller selbst mit sich ausmachen – wir haben aus unseren Erfahrungen gelernt und entsprechende Schlüsse daraus gezogen.

Menschen lassen sich von Ihren Vorbildern und Idolen beeinflussen, auch im positiven Sinne. Es braucht viele kleine Schritte von vielen einzelnen Personen, sowas braucht Zeit. Aber wir glauben fest daran, dass man dadurch langfristig große Veränderungen erreichen kann. Hin zu einer besseren Welt, in der du und deine Kinder mal leben wollen.

Tim und Jordan
# Tim und Jordan - die beiden Gründer von Sick Bicycles

Zum Abschluss: Wann kann man das Monster-Fully Sick Heathen in Bad Wildbad testen?

Geile Idee – vielleicht im Frühjahr 2018? Wir sind wirklich gerne in Europa. Und es ist traurig, dass wir wegen ein paar Hohlköpfen nicht mehr dazu gehören. Sorry for that!

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen findet ihr unter: www.sickbicycleco.bigcartel.com

Was haltet ihr von dem ungewöhnlichen Methoden der Jungs von Sick Bicycles?

Interview: Jens Staudt | Text & Redaktion: Johannes Reiser, Jens Staudt
  1. benutzerbild

    OneTrustMan

    dabei seit 03/2017

    themountain
    Ich verstehe deine Besorgniss , gerade in Moment ist das halt ein wenig problematisch aber Chinesen sehen das eher locker ...長鼻子 ist durchaus ein gaengiger Begriff fuer Europaer(so wie hier "Gringo alle Leute beschreibt die nicht peruanisch aussehen)....wenn man mal dort gelebt hat weiss man das ;)
    Lol und ich dachte die Chinesen nennen uns inzwischen Baizuo.
    Whitoh piggohh go hoome:D
  2. benutzerbild

    Ghostrider7.5k

    dabei seit 06/2012

    themountain
    Ich verstehe deine Besorgniss , gerade in Moment ist das halt ein wenig problematisch aber Chinesen sehen das eher locker ...長鼻子 ist durchaus ein gaengiger Begriff fuer Europaer(so wie hier "Gringo alle Leute beschreibt die nicht peruanisch aussehen)....wenn man mal dort gelebt hat weiss man das ;)
    Na das ist doch toll! Endlich haben wir das Ausmaß an Respektlosigkeit erreicht, indem man Rassismus nicht mal mehr als solchen wahrnimmt.
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  4. benutzerbild

    evil_rider

    dabei seit 01/2002

    Ghostrider7.5k
    Wow! Ungefilterer Rassismus! Nicht schlecht!
    Tickst Du eigentlich noch ganz richtig???
    stimmt, die heissen hunde- oder reisfresser.
  5. benutzerbild

    Nash

    dabei seit 10/2006

    Menschen nach ihren scheinbar optischen Mängeln zu reduzieren, zeugt wahrlich nicht von intellektueller Raffinesse. Und ob Menschen Reis fressen oder essen, kann man auch erst sagen wenn man es selbst erlebt hat. Wobei beim letzten Asiarestaurantbesuch kann man jetzt durchaus verwirrt sein, da der Unterschied zwischen deutschen und anderen Reisfressern minimal zu sein scheint. Aber okay, man kann sich's ja trotzdem herausnehmen, solange auf der anderen Seite die selben Rassisten Schimpfwörter für uns verwenden.

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